E10: Neugersdorf ↣ Prag
Tom Schilling
Tschechien 2026
Für meine Mutter
Impressum
Auflage April 2026
© Tom Schilling, Dresden, Deutschland
Dieses Buch ist ein Ausdruck der Webseite
"https://www.tom--schilling.de/wandern/
gedruckt im Selbstverlag
Die auf der Webseite herunterladbare PDF-Datei ist im Format A5 gedruckt, damit sie auf eBook-Readern oder Handys mir kleinem Bildschirm unterwegs optimal gelesen werden kann. Fotos sind in dieser Version naturgemäß winzig. Benötigt man größere Formate, kann die WEBSEITE (nicht dieses PDF) mittels der Druckfunktion des Browsers in beliebigen Größen ausgedruckt werden. Für elektronische Versionen ist ein Browser auf Chromium-Basis (wie Edge oder Vivaldi) zu empfehlen, weil er die Verlinkung des Inhaltsverzeichnisses zu den Kapiteln ins PDF übernimmt, wenn über "Als PDF speichern" gedruckt wird.
Für Ausdrucke auf Papier empfehle ich chlorfrei gebleichtes Papier, das aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern stammt, in denen Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden und das mit FSC- oder blauem Engel-Siegel zertifiziert wurde. Wohlhabenden empfehle ich darüber hinaus einen Ausdruck in Farbe, damit die vielen Fotos zu Geltung kommen.
Sollten Sie mehr als 25 Druckexemplare anfertigen, denken sie bitte daran, ein Pflichtexemplar an die Deutsche Nationalbibliothek zu schicken, siehe
"https://www.dnb.de/DE/Professionell/Sammeln/
Mehr Informationen zum optimalen Druck dieser Webseite finden Sie auf
"https://www.tom--schilling.de/programmieren/
Inhalt
Wanderung von Varnsdorf bis Prag im April 2026
L 161 km, H 2870 m, R 3060 m, O 659 m, U 160 m, Z 7 Tage
Inhalt
Vorbereitung
Mit der Coronakrise kam bei mir der Wunsch auf, nicht nur in der Ferne zu wandern, sondern auch meine Umgebung besser kennenzulernen. Mir schwebte unter anderem eine Wanderung von Dresden nach Prag vor. Weil nicht weit von Dresden der Europäische Weitwanderweg E10 verläuft, der durch Prag führt, beginnt die Tour im von Dresden aus mit dem Nahverkehrszug erreichbaren Neugersdorf. Über Česká Lípa und Mělník will ich in 7 Tagen Prag erreichen.
Den Track mit dem Verlauf des E10 in Tschechien habe ich von waymarkedtrails.org. Ich habe noch ein Stück auf deutschem Boden und die Strecke bis in die Innenstadt von Prag ergänzt. Ich beginne in Neugersdorf, das sowohl am E10 als auch an der Bahnlinie nach Zittau liegt, und spare mir dadurch eine kleinteiligere Anfahrt. Zum anderen empfinde ich es als unbefriedigend, am Stadtrand von Prag in die Straßenbahn zu steigen, und will das Zentrum zu Fuß erreichen. Mal sehen, ob mir da nicht der Geiz einen Strich durch die Rechnung macht, denn für Senioren älter als 65 Jahre ist in Prag der Öffentliche Nahverkehr kostenlos. ;-)
Beim Abwandern der Route auf der Karte habe ich noch einige Wegpunkte für mögliche Übernachtungen und Wasser hinzugefügt und alle Höheninformationen ergänzt. Wasserquellen gibt es bis auf dem letzten Stück entlang der Moldau genug. Ebenso Hotels in Česká Lípa, Doksy und Mělník. Ich freue mich schon auf den Táboŕiśté U Splávku, eine hübsche Zeltwiese am Wald, die ich hoffentlich am vierten Abend erreiche.
Die Etappenlängen habe ich für meine Verhältnisse recht anspruchsvoll gewählt. Sie liegen zwischen 18 und 29 Kilometern. Die von mir bearbeiteten Tracks kann man hier herunterladen:
E10-Neugersdorf-Prag_komplett.gpx
E10-Neugersdorf-Prag_Etappen.gpx
Am Liebsten wäre es mir, ich könnte die Wanderung vor dem 1. Mai abschließen, um nicht in den Feiertagstrubel zu geraten. Falls sich größere Unwetter ankündigen, werde ich den Start verschieben. Auf jeden Fall berichte ich von unterwegs!
Varnsdorf ↣ Svor
K km 19, L 19 km, H 675 m, R 530 m, U 333 m, O 659 m
Gestern war noch eine Regenfront durchgezogen, heute lugt schon wieder die Sonne aus den Wolken. Der Start war wie üblich chaotisch. Noch zu Hause bekomme ich eine Meldung, daß sich die S-Bahn um 13 Minuten verspätet. Ich bin trotzdem schon 10 Minuten früher am Bahnsteig und erwische den Vorgängerzug, der ebenfalls verspätet war und Richtung Hauptbahnhof zuckelt. Das war auch gut so, denn mein original geplanter Zug fällt später komplett aus.
Vom ursprünglichen Plan, ab Neugersdorf loszulaufen, hatte ich mich schon verabschiedet, als ich die Busverbindung von Ebersbach nach Varnsdorf entdeckt hatte. Die 4 Minuten Anschluß reichen und der Bus nimmt mich für sensationelle 1,10 € mit (Seniorentarif). Dadurch muß ich heute statt 29 km nur 19 laufen. Für den Einstieg mit voll gepacktem Rucksack ist das viel besser.
Viertel nach elf bin ich in Varnsdorf. An einem Supermarkt besorge ich mir Kronen und bin um 12 Uhr abmarschbereit. Es scheint zwar die Sonne, aber es weht ein schneidend kalter Wind.
Meist geht der Weg auf schmalen Forstpfaden entlang, manchmal auch auf Fußwegen. Es läuft sich sehr gut. Ich treffe nur wenige Wanderer. Nur kurz vor dem Ziel biege ich vor einer großen Gruppe Pfadfinder in einen Weg ein und muß mich sputen.
Mein Etappenziel ist eine Schutzhütte, die ich schon bei Google Street View gesehen hatte. Sie liegt natürlich direkt an einer Straße. Ich könnte mich auf eine der Bänke legen, aber weil die Nacht sehr kalt werden soll, baue ich als Windschutz in der Hütte das Zelt auf. Vor dem Dunkelwerden parken noch 2 Autos vor der Hütte und zwei einzelne Wanderer unternehmen noch einen Spaziergang. Sie stören mich nicht, einer grüßt nett.
Die Quelle 700 Meter vor der Hütte war überbaut, so daß ich nicht an Wasser gelangen konnte. Ich habe nur noch den knappen Liter, den ich schon von zu Hause mitschleppe. Das reicht gerade so für das Aufwärmwasser des Fertiggerichts, womit ich noch einen Tee mache, und den Morgenkaffee.
GPS: xxx, yyy
Svor ↣ Česká Lípa
K km 39, L 20 km, H 370 m, R 665 m, U 248 m, O 610 m
In der Nacht sollte laut Wetterbericht die Temperatur unter Null Grad fallen. In meinem Schlafsack war es mit allen Sachen an kuschelig warm. Das Trinkwasser im Zelt war nicht gefroren.
Um 6 Uhr ging die Sonne auf. Leider lag die Hütte im Schatten. Um Sieben dachte ich über das aufstehen nach, 9 Uhr ging es frisch gestärkt los.
Nach einer Viertelstunde kommen am Weg mehrere Quellen. Zwei davon hatte man mit einem Holzdach versehen, damit die Quelle sich wohlfühlt und nicht Wind und Wetter ausgesetzt ist. Ich putze Zähne und plausche ein wenig mit einer Tschechin, die ich an einer Quelle treffe.
Der Weitwanderweg E10 ist nur an wenigen Wegweisern als kleines rotes Rechteck angegeben. Ansonsten folge ich den Farbmarkierungen der lokalen Wanderwege. Ich bin also mal auf dem grünen Weg unterwegs, mal auf dem blauen, roten und gelben. Wie schön daß ich dieses Jahr auf OSMAnd gewechselt bin, daß die Wegmarkierungen anzeigt.
Nach Nový Bor ist der rote Weg verlegt worden, ohne OSM davon zu informieren. Alle Wegmarkierungen bis auf zwei wurden entfernt. Ich folge weiter meinem Track.
Am Weg steht auf einem Felsen eine hübsch verwinkelte Burg, die leider heute nicht zu besichtigen ist. Durch die vielen Wehrgänge hoch und runter würde man sicher einige extra Höhenmeter machen.
Durch ein in Sandstein eingeschnittenes Tal geht es abwärts an Felsformationen vorbei. Unten steht eine in den Fels gehauene Kapelle.
Danach laufe ich 10 Kilometer nur auf Asphalt bis nach Česká Lípa. Ich spute mich, denn die Touristeninfo schließt 17 Uhr. 40 Minuten vorher bin ich da. Ich frage die Frau, ob sie mir eine Übernachtung heraussuchen kann. Erst will sie mir ein paar Telefonnummern aufschreiben, dann meint sie, sie macht das schnell selber. In der Pension am Markt ist noch was frei, aber fast 80 € erscheint mir für eine Pension etwas viel. In ihrem Vermittlungssystem findet sie im Hotel Olympia ein Doppelzimmer zur Einfachnutzung für 50 €. Als sie dort anruft, gibt es nur viel teurere Suiten. Danach telefoniert sie 20 Minuten lang verschiedene Pensionen an, deren Telefonnummern sie aufwendig im Computer heraussucht.
Letzlich vereinbart sie mit einem Appartment-Betreiber, daß ich von meinem Telefon aus eine SMS an eine bestimmte Nummer senden soll. Ich kann von meinem Telefon aus keine SMS an die Nummer senden (Fehlermeldung: Geht nicht), aber ich kann sie anrufen. So komme ich doch noch an eine Feriewohnung.
Vielen Dank an die Frau in der Touristeninfo, die mir 30 Minuten ihrer Zeit geschenkt hat! Ohne sie wäre es wieder nur ein Platz im Wald geworden.
Die Ferienwohnung ist nett im Dachgeschoß gelegen. Ich kaufe im Supermarkt was für Abendbrot und Frühstück. Es gibt hier noch dunkles Krušovice, was in Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr verkauft wird! Für Flaschen zahle ich 3 Kronen Pfand, für Alu-Büchsen nichts. Das sieht man dem Wald leider auch an. Nach zwei Bier und einem heißen Bad in der Badewanne bin ich so müde, daß ich kein Blog mehr schreiben kann.
GPS: xxx, yyy
Česká Lípa ↣ Staré Splavy
K km 63, L 24 km, H 445 m, R 410 m, U 247 m, O 446 m
Ich schlafe gut, komme aber auch diesmal nicht vor neun aus dem Haus.
Nachdem ich aus der Stadt raus bin, führt mich der Wanderweg durch eine phantastische wilde Klamm. Ein träge dahinfließendes Gewässer hat aus dem Sandstein ein Tal ausgeschnitten. Viele umgestürzte Bäume liegen im Wasser. Das einzig Künstliche ist der Holzbohlensteg, der mich über weite Strecken am Ufer entlang führt. Am Eingang des Tals gibt es eine große Boofe mit rußgeschwärzten Wänden, danach viele interessante Felsformationen.
Das entschädigt völlig für das darauffolgende Stück auf Asphalt. Die meiste Zeit gehe ich heute oben auf Felsen oder unten zwischendurch, meist in Kiefernwald. Eine sehr schöne Mischung.
Wegen dem Übernachtungsdrama gestern frage ich heute schon 3 Kilometer vor dem Etappenziel Doksy in Hotels nach einer Unterkunft. An der geschlossenen Eingangstür des Hotel Berg in Staré Splavy stehen einige Telefonnummern. Ich rufe eine an, bekomme aber nur jemanden ran, der Gästen Einlaß verschaffen kann, die schon gebucht haben. Er sagt mir eine lange Nummer an, die nicht auf der Tür steht, unter der ich die Rezeption erreichen könne. Ich bin kein Variete-Künstler, der sich auf Zuruf lange Zahlenkolonnen merken kann. Wenn sie so was Wichtiges, wie die Nummer der Rezeption nicht an die Tür schreiben können, tut es mir leid. Die Fähigkeit, ein Telefonat weiterzuleiten, scheint ausgestorben zu sein. Wie oft habe ich früher gehört "Ich verbinde".
Dreihundert Meter weiter steht die Tür der Rezidence Fami offen und ich finde jemanden, der mir ein Zimmer vermietet.
Ich trinke das letzte Krušovice von gestern, dusche und mache mich auf die Suche nach einem Restaurant. Alles hat zu. Für die meisten hat die Saison noch nicht begonnen. Die Pizzeria verpasse ich nur um einen Tag, denn die hat Freitag bis Sonntag offen. Macht nichts, dann gibt es eben kalte Küche aus meinem Vorrat.
Auch zum See gehe ich, den ich verpaßt hätte, wäre ich nur dem Wanderweg gefolgt. Dabei ist der recht nett, mit einigen witzigen Skulpturen an der Anlegestelle.
GPS: xxx, yyy
Staré Splavy ↣ Táboŕiśté U Splávku
K km 90, L 27 km, H 610 m, R 635 m, U 250 m, O 457 m
Beim Frühstück bin ich der einzige Gast. Es gibt das übliche: Wurst, Käse, Süß. Dazu diese länglichen Brötchen, wie früher. Ich komme schon 8:45 Uhr los, neuer Rekord!
Die ersten 10 Kilometer gehen stetig leicht ansteigend auf breiten Forstwegen zu einer Burg. Danach läuft man einiges auf Asphalt.
Ich komme wieder an einer großen Boofe vorbei, wo ich auch Sicherungsringe entdecke. Später kommen mir drei Jungs mit großen Rucksäcken entgegen, die ich für Kletterer halte. Außerdem begegen mir noch zwei Mädels mit großen Rucksäcken, die auf großer Tour sein könnten. Mehr als ein Ahoi haben wir uns nicht zugerufen.
Danach führt eine schmale Landstraße durch wunderschöne alte Dorfkerne. Die Holzhäuser sind ein Traum in Schwarzweiß! Zu den Häusern gehören viele Keller, die man einfach in die Sandsteinwände nebenan gepickert hat.
Ich bin froh, als die Straße aufhört und lege mich erst mal eine Stunde auf die Wiese in die Sonne. Die Luft hat nur 10 Grad und jede Luftbewegung wird zum eisigen Wind. Auf Pässen habe ich den Hut abnehmen müssen, damit er nicht weggeblasen wird. Aber auf einer windgeschützten Wiese in der Sonne hält man es gut aus.
Das heutige Etappenziel ist eine Zeltwiese. Als ich 18 Uhr dort ankomme, stehen nur drei Autos darauf neben Zelten. Leider machen zwei Parteien an den beiden Enden des Platzes große Lagerfeuer. Ich finde keinen Fleck, wo ich bei den ständig drehenden Winden nicht eingequalmt werde. An einer Ecke, ziemlich an der Straße baue ich das Zelt auf. Von einem Nachbarn erfahre ich, daß die Besitzerin heute schon mal da war und morgen früh zum Kassieren wiederkommt.
GPS: xxx, yyy
Táboŕiśté U Splávku ↣ Mělník
K km 109, L 19 km, H 325 m, R 365 m, U 167 m, O 271 m
Der rote Weg, der mich jetzt schon zwei Tage begleitet, führt weiter durch das Tal. Wo es sich anbot, hat man den Bach angestaut, so daß eine Kette hübscher Seen entstanden ist. Der Wanderweg hält meist den größtmöglichen Abstand zur Straße, auf der viele Autos und Motorräder das Tal fluten. Es ist Wochenende und das Tal ist ein beliebtes Wander- und Klettergebiet.
Beide Talseiten sind von vielen Felsformationen gesäumt, wie zu Hause in der sächsischen Schweiz. In der zweiten Hälfte der Etappe gehts raus aus dem Tal auf die windige Hochfläche und danach absteigend nach Mělnik. Dort ist es brütend heiß.
In Mělnik will ich heute die Hotels selber abklappern. Sie liegen dicht genug beieinander. Das Erste, das Hotel Kraus, existiert nur in der Phantasie von Open Street Map. Da ist jetzt ein Weinrestaurant drin. Das Zweite, U Rytíru, ist ausgebucht, wie ich bei einem Anruf von der unbesetzten Rezeption aus erfahre. Auch das Dritte muß ich anrufen. Es ist noch was frei und ich werde zu einem Haus eine Gasse weiter geführt, in dessen Dachgeschoß noch eine Ferienwohnung frei ist. Ich nehme sie für 85 € die Nacht mit Frühstück.
Für einen Tag ist die ganz witzig. Ein Doppelbett auf einer Aussichtsplatform, ansonsten nur schräge Wände und Dachbalken. Ich muß mir schon genau überlegen, wie ich mich einfädle, damit ich auf dem Bauch liegend vom Fußende des Bettes auf die Straße schauen kann. Nicht nur oben ist der Raum sehr irregulär, auch die Füße müssen ständig über zwei 20cm hohe Podeste und mehrere Balken am Bodeni steigen. Es sind zwar 3 Betten und eine Couch vorhanden, aber bei voller Belegung müßte man eine Choreografie erfinden, um von A nach B zu kommen, ohne irgendwo anzustoßen oder jemanden zu verletzen.
Bei der B-Note schwächelt es ein wenig. Ich erwarte nicht bei einer mit einer "Desinfiziert"-Banderole geschlossenen Toilette das Papier meines Vorgängers herumschwimmen zu sehen oder Haare auf dem Rand. Das Waschbecken ist verstopft und fließt nur langsam ab. Vom Schränkchen blättert in Zeitlupe die Deko-Beklebung ab.
Ich räume den Rucksack aus und gehe nach Norden zurück zu den Supermärkten, um Bier und ein Abendessen zu kaufen. Wie ich im Reiseführer gelesen habe, wird Alkohol trinken in der Öffentlichkeit hier hart bestraft. Ich suche mir also eine abgelegene Parkbank, trinke ein Willkommensbier und esse Abendbrot. Die Sonne scheint mit aller Kraft. Es ist schön hier! Ein Polizeiauto fährt den Fußweg vor meiner Bank entlang und staubt mein Essen ein, aber mich kriegen sie nicht!
Wie wir aus einem bekannten Schlager wissen, liegt Mělnik am Zusammenfluß von Moldau und Elbe. (Ich hätte nie gedacht, daß ich mal mit diesem Teil meines Allgemeinwissens angeben würde.) Ich gehe zur Elbe herunter und halte meinen Finger ins Wasser. Der Wind bläst stromauf, so daß man die Fließrichtung nicht erkennt.
Wie einfach könnte es sein, wenn ich doch nur mein Boot mitgenommen hätte. Dann könnte ich morgen hier einsetzen und mich nach Hause treiben lassen! Aber ich will ja nach Prag. Deswegen werde ich ab jetzt zwei Tage der Moldau folgen. Die Berge liegen hinter mir.
GPS: xxx, yyy
Mělník ↣ Kralupy nad Vltavou
K km 133, L 24 km, H 145 m, R 190 m, U 160 m, O 240 m
Was für ein wunderschöner Tag! Als ich halb acht zum Frühstück gehe, habe ich die Altstadt für mich alleine. Als wenn wegen Filmarbeiten abgesperrt wäre. Ihr Auftritt!
Heute ist der Tag der weiten Blicke. Zuerst geht es auf der Dammkrone des Moldaukanals zwischen den Brücken immer nur geradeaus. Später das gleiche nochmal über ein Feld. Es macht Spaß, zu sehen, wie die Burg von Mělnik in immer weitere Ferne rückt.
Nachdem sich Moldaukanal und Moldau wieder vereinigt hatten, geht es noch eine Weile am Ufer der Moldau entlang, bis der Weg vom Fluß weg auf eine Hochfläche führt. Plötzlich beginnt es, nach Stadtgas zu stinken. Im Wald versteckt und weiträumig umzäunt steht ein riesiges Gas-Lager. Ich bekomme leichte Kopfschmerzen. Erst zwei Kilometer später hört der Gestank auf und ich lege mich für eine Pause ins Gras.
In Kralupy, dem Etappenziel, gibt es nur ein Hotel, das Sport. Entweder ich komme dort unter, oder ich muß weiterziehen. Es ist wohltuend, wieder mal ein richtiges Hotel zu sehen, wo der Empfang noch besetzt ist. Ich bekomme ein Zimmer im vierten Stock, einfach und ohne Firlefanz, dafür mit 55 € günstig.
Nach der Grundreinigung unternehme ich noch einen Ausflug in die Stadt und zum Spätshop. Kralupy hat nicht viel zu bieten. Ein einzelnes Jugendstilhaus steht im Zentrum, ansonsten ist alles neu gebaut. Die Fußgängerzone entlang des Baches ist hübsch.
Morgen bleiben mir noch 28 Kilometer bis ins Herz von Prag.
GPS: xxx, yyy
Kralupy nad Vltavou ↣ Prag
K km 161, L 28 km, H 310 m, R 285 m, U 171 m, O 285 m
Der E10 ist heute fast ausschließlich auf einer Asphaltpiste markiert, die an vielen Stellen noch nicht mal einen Randstreifen besitzt. Viele Radfahrer und Skater sind darauf unterwegs. Wann immer möglich, suche ich mir eine Alternative näher zum Fluß. Teilweise ist das Laufen im steilen Gras direkt über dem Wasser etwas anstrengend. Besser das, als am Abend schmerzende Gelenke zu haben.
Bis auf die Abkürzung einer Flußschleife geht es immer an der Moldau entang. Unverhofft stehe ich vor Sedna, einem der vielen Zwergplaneten, due im äußeren Sonnensystem ihre Bahnen ziehen. Ein Planetenweg! Ich liebe so was. Pluto, den anderen bekannten Zwergplaneten verpasse ich wegen der Abkürzung. Der Rest zieht sich kilometerweit, bis die 1 Meter große Sonne erreicht ist, die den Maßstab des Ganzen vorgibt. Eigentlich müßte der Planetenweg auch in die andere Richtung nochmal 10 Kilometer weitergehen, denn die Planeten stehen ja nicht in einer Linie sondern auf beiden Seiten der Sonne. Um zu Sedna in ihrem sonnenfernsten Abstand zu gelangen, müßte man sogar 100 km wandern. Aber auch so erfährt man die gigantischen Ausmaße unseres Planetensystems sehr gut.
15 Uhr bin ich an der Stelle am Ortsrand von Prag, an der der E10 endet (er wird erst südlich von Prag fortgeführt.) Ich bin froh, hier nicht in die Straßenbahn gestiegen zu sein, denn der Weg, den ich mir herausgesucht hatte, ist nochmal richtig schön. Er führt durch viele Parks, in denen ich quer über die Wiese laufen kann. Außerdem habe ich diese einzigartige Aussicht auf die Stadt.
Mein Ziel ist wieder die Toristeninfo. Zimmer vermitteln dürfen sie dort nicht, aus irgendwelchen Gründen. Ich frage nach Hotels in der Innenstadt und die junge Frau zeichnet mir drei auf einen Stadtplan. Beim Übertragen in OSMAnd bleiben zwei davon auf der Strecke, weil es die dort nicht gibt, und auch in der Realität finde ich das erste davon nicht.
Bleibt das Hotel Perla. Ich finde es und spreche an der Rezeption vor. Es ist ein großes Hotel in einer kleinen Gasse. Ich bekomme ein Zimmer zum sensationellen Preis von 55 € die Nacht und buche 2 Nächte. Das Zimmer ist modern eingerichtet und der Fernseher hat als erster in Tschechien auch ausländische Sender. Ich mache mir ein mitgeschlepptes lauwarmes Krušovice auf und feiere meine Ankunft.
GPS: xxx, yyy
Ich ruhe mich ein wenig aus und mache abends noch einen Rundgang. Den Weg vom Bahnhof zum Plattenantiquariat finde ich immer noch ohne Karte. Das Café Obecní Dům am Pulverturm ist so schön erleuchtet wie eh und je. Das Bankgebäude mit der atemberaubenden Innenarchitektur an der Na Příkopě ist leider geschlossen. Ich schaue am Bahnhof nach, wie viel das Einlagern von Schallplatten für 3 Wochen heute kosten würde: mehr als 100€! Abends verfolge ich die Snooker-WM bis ich einschlafe.
Mein Prag vor der Wende
Mitte bis Ende der 1980er Jahre war ich jeden Monat in Prag. Jeden dritten Freitag schwänzte ich den Rest der Nachtschicht, um 3:20 Uhr am Zug Richtung Prag zu sein. Mein Ziel war es, eine Viertelstunde vor Ladenöffnung den ersten Platz in der Schlange vor dem Musikalienantiquariat in der Nationalbankpassage zu ergatten. Bei Öffnug mußte ich sofort zu den zwei Kisten mit gebrauchte Schallplatten rennen, die in Windeseile durchblättern und alles interessant erscheinende herausziehen. Wenn es da nichts gab, war es ein schlechter Tag.
Danach hatte ich noch HiFi-Läden auf meiner Liste, die aber selten mal interessante Platten hatten. Dann kamen die Buch-Antiquariate dran, auf der Suche nach deutschsprachiger Literatur oder Zeitschriften. Als nächstes das DDR-Kulturzentrum, die von in geringen Auflagen gedruckten Büchern immer welche abbekamen. Zum Beispiel denen aus der Spektrum-Reihe. Weiter dann zu regulären Schallplattenläden, um zu sehen, was bei Supraphon veröffentlicht wurde und zu Zeitschriftenläden, die West-Magazine führten. Hifi-Zeitschriften waren unglaublich teuer, ließen sich aber trotzdem in der DDR mit 10 Mark Gewinn verkaufen. Zum Schluß noch im normalen Laden eingekauft. Weinhefe und Gärröhrchen waren in der DDR Mangelware. Für mein eigenes Hobby Elektronikbasteln ging es noch in einen Elektronikladen. Einen legendären Kontaktspray nutze ich bis heute.
Der erste Tag war also prall gefüllt mit Aufgaben. Weil Tschechienreisende nur sehr wenig Geld umtauschen durften, war es am Anfang notwendig, länger zu bleiben. Tagesbesucher durften nur 20 Mark in Kronen umtauschen. Bei 2 Tagen waren es 30 Mark pro Tag, ab 3 Tagen 40 Mark pro Tag. Ich blieb also auch Sonnabend und Sonntag noch und bin an diesen Tagen durch die Stadt vagabundiert, habe mir vieles angesehen und fotografiert. Zum Schlafen bin ich mit der Metro zu einem Wäldchen im Süden gefahren, in dem eine große Pagode stand. Einige Male kam ich Montag morgen 6 Uhr ausgeruht aus Prag zur Frühschicht. Auch alle Urlaubsreisen nach Bulgarien oder die UdSSR wurden immer für Einkäufe in Prag genutzt.
In späteren Jahren war es nicht mehr notwendg, mehrere Tage in Prag zu bleiben, weil ich von Arbeitskollegen, die 3 Wochen in der Tschechoslovakei Urlaub gemacht hatten, die restlichen Reisedevisen zurücktauschen konnte. Ich hatte dann pro Tour etwa 300 Mark dabei, von denen ich aber selten mal alles losgeworden bin.
Mir war immer klar, daß diese Tauschereien und auch mein Plattenhandel der Stasi auf Dauer nicht verborgen bleiben würden, aber passiert ist nichts. Einmal wurde ich bei der Rückfahrt aus dem Zug geholt und befragt. Da hatte ich einige Schallplatten mit und 2 Jahrgänge von "Der Drachenflieger" dabei. Meine Standardausrede war immer, daß ich mal in Prag studiert hätte und Sachen aus dieser Zeit nach Hause hole. Das Vernehmungprotokoll dieser Begebenheit befindet sich als einziges in meiner Stasi-Akte. Am Schluß konnte ich die Zeitungen sogar mitnehmen.
Geendet hat das alles mit der Wende. Im Jahr darauf war ich mit Freunden nochmal in Prag. Wir hatten in Troja in einem Neubauviertel eine Wohnung gemietet. Die war komplett eingerichtet und enthielt noch so viele persönliche Dinge, als habe man den Bewohnern 30 Minuten Zeit gegeben, ihre Sachen zusammenzusuchen, bevor sie in den Keller abgeschoben wurden. Das fühlte sich falsch an, daß wir jetzt das Westgeld hatten und die Tschechen nicht und das wir in fremden Wohnungen wohnten. Danach war ich bis heute nicht wieder in Prag.
Prag
Im Grunde ist Prag ein riesiger Basar. Das meine ich nicht nur wegen der Tausenden von Asiaten betriebenen Supermarket oder Minimarket (beide gleich groß). Fast jedes Haus hat im Erdgeschoß einen Laden und jeder versucht dir was zu verkaufen.
Die Pracht der Gebäude begeistert mich nach wie vor. An so vielen Häusern finden sich Jugendstil-Ornamente. Man würde Jahre brauchen, sie alle anzuschauen!
Es gibt immer noch Antiquariate in Prag, allerdings nicht mehr meine alten. In der Passage ist jetzt ein Kunst-Caffeé. Das in der Žitná hat dicht gemacht. Es ist einer der wenigen Läden der leersteht und nicht gleich wieder für was anderes verwendet wird. Vielleicht verhindert der Geist alter Bücher eine anderweitige Nutzung?
Bei der Nationalbank habe ich heute Glück. Das Gebäude ist zu einer Kunstgalerie geworden und offen. So sehe ich mir nicht nur das Haus, sondern gleich noch die aktuelle Ausstellung an. Bilder gibt es nächste Woche zu sehen.
Abreise
Ich genieße nocheinmal das hervorrgende Frühstücksbuffet des Hotels. Über die Bahn App habe ich mir gestern schon ein Rückfahrticket gekauft. 10:30 Uhr gehts los.