München ↣ Gardasee
Tom Schilling
Alpen 2026
Für meine Mutter
Impressum
Auflage September 2024
© Tom Schilling, Dresden, Deutschland
Dieses Buch ist ein Ausdruck der Webseite
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gedruckt im Selbstverlag
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Inhalt
2026 Alpenüberquerung von München zum Gardasee
L 470 km, H 30.800 m, R 31.200 m, O 2958 m, U 64 m, Z ca. 37 Tage
Inhalt
Vorbereitung
Nach einem Jahr Abstinenz also wieder eine Alpenüberquerung! Auf die Route bin ich gekommen, als ich nachgesehen habe, wer mich verlinkt. Auf trekkingtrails.de finde ich eine Route von Kufstein nach Verona, die ich noch nicht kenne. Der Führer dazu von Werner Sedlak wurde 2013 letztmalig aufgelegt und ist schon lange vergriffen. Bei dem Versuch, noch ein Exemplar aufzutreiben, stolpere ich über ein weiteres Buch im gleichen Verlag, das eine Tour von München zum Gardasee beschreibt: "Alpenüberquerung, Maria & Wolfgang Rosenwirth, Athesia-Verlag". Ich erwerbe ein Restexemplar direkt von den Autoren. Diese Route will ich im Sommer 2026 gehen.
Der Führer ist ebenfalls von 2013. Damals kam es gerade erst in Mode, Wanderführern GPS-Tracks beizulegen. Das Buch enthält noch keinen. In drei Wochen akribischer Arbeit habe ich mit QMapShack die Route von den Kartenzeichnungen und Beschreibungen im Buch in einen GPX-Track übertragen. Die Wege sind noch alle in Open Street Map zu finden. Den Track habe ich gemäß meiner eigenen Richtlinien formatiert und stelle ihn hier der Allgemeinheit zur Verfügung. Für denjenigen, der eine Stückelung des Tracks in einzelne Etappen bevorzugt, habe ich darunter noch so eine Version.
Aus der unteren Datei lassen sich einfach die Eckdaten der einzelnen Etappen ablesen. Es fällt auf, daß im Buch fast alle Entfernungen, An- und Abstiege geringer ausfallen als die aufaddierten Werte des Tracks. Das macht die Tour noch etwas anspruchsvoller als im Buch beschrieben. Die zwei sehr langen Anstiege werde ich wohl teilen müssen. Auch für den Anfang werde ich andere Etappenziele wählen, denn ich werde erst nachmittags in München ankommen und an dem Tag keine 35 Kilometer mehr schaffen. Deswegen rechne ich mit 38 Tagen Gesamtdauer, inklusive dreier Ruhetage.
| Etappe | Länge /km | Aufstieg /m | Abstieg /m | min. Höhe /m | max. Höhe /m |
| 1 | 35 | 240 | 185 | 512 | 615 |
| 2 | 28 | 225 | 145 | 575 | 672 |
| 3 | 30 | 590 | 475 | 643 | 981 |
| 4 | 14 | 1620 | 575 | 761 | 2101 |
| 5 | 15 | 985 | 1180 | 1476 | 1920 |
| 6 | 15 | 1030 | 695 | 1123 | 1967 |
| 7 | 12 | 900 | 1995 | 831 | 2247 |
| 8 | 22 | 1375 | 440 | 540 | 1795 |
| 9 | 16 | 970 | 745 | 1792 | 2390 |
| 10 | 12 | 1185 | 900 | 2018 | 2739 |
| 11 | 10 | 770 | 745 | 2163 | 2568 |
| 12 | 18 | 1620 | 1280 | 2198 | 2959 |
| 13 | 12 | 830 | 1600 | 1896 | 2703 |
| 14 | 16 | 650 | 1600 | 945 | 1945 |
| 15 | 13 | 1700 | 450 | 942 | 2395 |
| 16 | 10 | 825 | 565 | 2066 | 2570 |
| 17 | 10 | 595 | 785 | 2159 | 2513 |
| 18 | 20 | 705 | 1995 | 975 | 2494 |
| 19 | 14 | 1105 | 560 | 975 | 1992 |
| 20 | 14 | 95 | 1340 | 245 | 1522 |
| 21 | 18 | 2455 | 1360 | 277 | 1849 |
| 22 | 28 | 965 | 1710 | 516 | 1808 |
| 23 | 11 | 1370 | 25 | 622 | 1970 |
| 24 | 20 | 1680 | 1385 | 1872 | 2450 |
| 25 | 17 | 785 | 2185 | 828 | 2450 |
| 26 | 18 | 1055 | 1670 | 245 | 1776 |
| 27 | 20 | 610 | 765 | 93 | 364 |
| 28 | 17 | 2150 | 200 | 83 | 2060 |
| 29 | 16 | 1160 | 1065 | 1395 | 2169 |
| 30 | 23 | 340 | 2290 | 186 | 2144 |
| 31 | 21 | 245 | 365 | 64 | 319 |
Die Route beginnt ähnlich wie der Traumpfad München-Venedig, von dem ich 2021 die erste Etappe nicht gelaufen war. Sie berührt den Traumpfad noch einmal zwischen Tuxer Joch Haus und Lizumer Hütte. Weil ich den Truppenübungsplatz damals umgangen hatte, kenne ich auch Letztere noch nicht. Schließlich benutzt in Etappe 24 die Ausweichvariante für diejenigen, die kein Klettersteigset mitnehmen (wie mich), die Bodensee-Gardasee-Route von Bettina Forst. Das Ende der Tour führt von Süden her an den Gardasee. Auch dieses Stück entlang des Gardasees bietet noch viel Neues. Die hohen Berge hatte ich 2024 gar nicht wahrgenommen. Insgesamt ist das meiste für mich erfreulicherweise Neuland.
Probleme gibt es bei den Übernachtungsmöglichkeiten außerhalb der Berghütten. Gasthöfe haben das Übernachtungsgeschäft aufgegeben, Hotels sind zu Wellness-Tempeln mutiert oder wollen keine Tagesgäste mehr. Mindest-Übernachtungsdauern von 3 Tagen werden Standard, ich habe auch schon 7 Tage gesehen. Ein weiteres Ärgernis ist, daß viele Quartiere die Preise auf der Webseite verstecken oder gleich gar keine mehr angeben. Einen Preis erfährt man erst auf dem Buchungsportal, nachdem man mühselig einen Termin und die Anzahl der Gäste eingegeben hat. Die stehlen einfach nur meine Zeit! Auch Campingplätze bieten heute meist ausschließlich Parzellen an, auf denen man Wohnmobil plus Hauszelt abstellen kann und sind entsprechend teuer. In einigen Wegpunkten habe ich die Preise, die ich herausfinden konnte, mit angegeben. Sie gelten jeweils für 1 Person, eine Nacht. Auf jeden Fall nehme ich ein Zelt mit.
Dresden ↣ Hellerschwang
K km 8, L 8 km, H 100 m, R 100 m, U 640 m, O 760 m
Auf die ersten beiden Etappen des Wanderführers verzichte ich diesmal, sonst wird mir die Tour insgesamt zu lang. Ich will von der letzten Bahnstation in Lenggries starten.
Wie bei mir, erwacht auch bei der Deutschen Bahn der Abenteuergeist. Gegenüber der Strecke, die ich mir im April angesehen hatte, sind seit gestern zwei Abschnitte mit Ersatzverkehr durch Busse hinzugekommen. Dadurch werde ich zweieinhalb Stunden später in Lenggries ankommen und die 20 Kilometer Tagespensum nicht mehr schaffen.
Busse, mit denen ich die Strecke abkürzen könnte, fahren heute auch keine mehr. Ich werde irgendwo an der Isar übernachten und morgen noch ein Stück mit dem Bus fahren, damit ich nicht schon zu Beginn in Zeitverzug komme.
In Obertraubing, kurz nach Regensburg bleibt der Zug stehen, weil Türen sich nicht schließen lassen. Eine Stunde lang wird gebastelt, dann fährt der Zug mit einem abgesperrten Abteil weiter. Fahrgäste meinen, man hätte irgendwie mit einem anderen Zug Richtung München Flughafen fahren können, aber es fehlt an Informationen. Die Zugbegleiter sagen nichts und in der Bahnapp tauchen auch keine Alternativen auf. Am nächsten Haltepunkt, Eggmühl ist endgültig Schluß. Es besteht das Risiko, daß sich weitere Türen öffnen. Der Zug fährt in die Werkstatt und wir sind im Nirgendwo gestrandet. Der nächste offizielle Zug geht in einer weiteren Stunde, aber schon 10 Minuten später schaffen es die Zugbegleiter, den Alex aus Prag hier anhalten zu lassen. Wir kommen alle mit. So bleibt es in München bei einer extra Stunde Verspätung. 17:20 Uhr lomme ich in Lenggries an.
Im Edeka kaufe ich ir eine kleine Flasche Wein und ein Brötchen. Dann folge ich der Variante der Etappe 3 auf dem rechten Isarufer.
In Fleck komme ich dss erste Mal an das Ufer der Isar. Die Uferwiesen wären ein schöner Zeltplatz, sind aber Landschaftsschutzgebiet. Ich gehe weiter einen Kanal entlang bis Hellerschwang. In einem Wäldchen zwischen Straße und Kanal entdecke ich einen geschützten Fleck für mein Zelt. Ich begegne einem Fuchs.
Zum Abendbrot gibt es mit Reis gefüllte Auberginen in Öl. Ein Gericht, das ich letztes Jahr aus der Türkei mitgebracht hatte.
Hellerschwang ↣ Tölzer Hütte
K km 33, L 13 km, H 1420 m, R 375 m, U 761 m, O 1830 m
Weil ich ein Stück mit dem Bus fahren will, habe ich früh Zeit. Ich stehe 7:30 Uhr auf, mache Kaffee und frühstücke. Die Nacht war erholsam. Am Abend kam ein Auto den Weg entlang, am Morgen das Auto und eine Frau auf dem Moped. Sie hätten mich sehen können, weil genügend Löcher im Buschwerk waren, haben sie aber nicht. Von der Straße und dem recht nahen Haus war ich durch eine Böschung getrennt. Ich hatte abends die Kinder lärmen gehört, aber nachts war es ruhig. Auch der Straßenverkehr kam in der Nacht zum erliegen.
Von Hohenwiesen nehme ich den Bus nach Fall. Ich spare dadurch 10 Kilometer ein und könnte es heute Abend bis zur Tölzer Hütte schaffen. Dann wäre ich wieder im Plan. Der Bus kommt 10 Minuten zu spät, die richtige Zeit, um den Fahrplan nochmal genauer zu studieren. War ich wieder mal zu blöd, den Fahrplan zu lesen? Haben die Bayern einen extra Feiertag?
11 Uhr bin ich am Einstieg. Die ersten 600 Höheneter geht es auf einer Schotterpiste angenehm gleichmäßig ansteigend bergauf. Ich mache zwei Pausen im Schatten. Vor der Grammersbergalm treffe ich den einzigen Menschen auf dem Weg, einen Einheimischen, der mit einem Bagger am Weg baut. Nach der Alm geht es auf schmalem Weg durch eine Bergflanke. An einer Quelle tanke ich Wasser und mache danach im Schatten eine weitere Rast.
Das restliche Auf und Ab vor der Hütte schlaucht mich jetzt mehr. Die extra Anstiege auf die kleinen Gipfel am Weg schenke ich mir und auch den Weg über den Aussichtsberg Schafreuter hatte ich heute morgen schon abgewählt. Ich gehe stattdessen drumrum und spare so 200 Höhenmeter.
Vor der Hütte begegnen mir drei einzelne Hirsche und eine Kreuzotter sonnt sich auf dem Weg.
18:30 Uhr erreiche ich die Hütte. Das Abendessen ist schon im Gange. Ich komme im Lager unter und bekomme auch noch was zu Essen. Das Bergsteigeressen ist Linsensuppe, sehr lecker! Mit Safranfäden!
Tölzer Hütte ↣ Plumsjochhütte
K km 48, L 15 km, H 985 m, R 1180 m, U 1476 m, O 1920 m
16 € für die Übernachtung ist sensationell! Möglich wurde das nur durch eine Aktion des DAV, die jedem Mitglied, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, eine Übernachtung im Lager sponsort. Auch auf das Frühstück verzichte ich.
Ich fühle mich so, als hätte ich nicht geschlafen. Ich war extra der erste im Bett um noch vor den Schnarchern ins Reich der Träume zu entkommen. Das hat nicht geklappt. Der Mann links unter mir schnarcht manchmal vor sich hin, aber wenigstens gleichmäßig und rhytmisch, so daß ich nicht jedesmal auf den nächsten Atemzug bangen muß oder fürchten muß, daß das sein letzter Seufzer war. Ich hätte Ohrenstöpsel einstöpsen können, aber die sprengen mir manchmal den Kopf und sind mir auf andere Weise unangenehm.
Ich fühte mich also recht schlapp und machte häufig Pausen. Zu Beginn sehe ich zwei Rehe, den Weg vor mir überqueren. Der Hirte des ersten Bauernhofs fragt mich, ob ich seine Ziegen gesehen hätte. Hab ich nicht. Als nächstes treffe ich ein Rudel Gämsen und ein einzelner Wanderer kommt mir entgegen. Er spricht deutsch mit holländischem Akzent. Das wars auch schon mit Begegnungen auf dem Weg.
Es geht meist in Hangflanken weit über dem Rißtal entlang. Die Aussicht ist klasse! Der Weg ist schmal, ausgesetzt und erfordert dauernde Aufmerksamkeit. Ich komme nur langsam voran, auch wegen der Pausen.
Die Hütte erreiche ich wieder erst nach 18:30 Uhr. Ich komme in einem Zimmer mit zwei Radlern unter, von denen einer übel gestürzt ist. Er hat Schürfwunden an Hüfte, Ellenbogen und Knie und denkt nicht ans aufhören. Beim Abendessen treffe ich zwei Bekannte von der letzten Hütte wieder. Sie sind den gleichen Weg wie ich gegangen, haben dafür aber wesentlich weniger Zeit gebraucht. Sie müssen mich unbemerkt überholt haben, als ich Pause gemacht habe.
Es gibt Gulasch mit Knödeln, aber ich bin immer noch appetitlos und schaffe meine Portion nicht.
Plumsjochhütte ↣ Lamsenjochhütte
K km 63, L 15 km, H 1030 m, R 695 m, U 1123 m, O 1967 m
82 € ist schon eher das Niveau, an das ich mich gewöhnen muß. Ich habe wieder schlecht geschlafen, obwohl niemand geschnarcht hat. Dafür schmeckt mir das Frühstück.
Der Abstieg ins Rißtal geht auf breitem Schotterweg schnell voran. Den letzten Abzweig vor der Straße verpasse ich leider und muß dafür einen Kilometer länger auf Asphalt laufen. Am Gasthof Eng lege ich mich auf eine Bank und schreibe Blog.
Auch der 700 Meter Aufstieg zur Hütte fällt mir heute leichter. Ich mache nur eine Rast im Schatten. Kurz vor der Hütte mache ich mir an einer kleinen Quelle nochmal alle Wasserflaschen voll. Im Kalk haben die Hütten meist kein Trinkwasser.
Es sitzen schon viele Menschen auf den Bänken vor der Hütte. Ich komme trotzdem im Lager unter. Man hat hier ein strenges Regime zur Bettwanzenverhinderung eingeführt. Alle Rucksäcke sollen im Trockenraum abgestellt werden und nur das Nötigste darf mit aufs Zimmer. Schlafsäcke müssen vorher in die Mikrowelle.
Bevor ich mein Bett besichtige setze ich mich vor die Hütte und koche mir einen Vanillepudding und einen Tee. Die Hütte hat keinen Empfang und auch kein öffentliches WLAN. Ein Mann vom Personal ist stolz auf das digitale Detox. Fehlt nur, daß sie auch dafür noch Geld nehmen! Der Ort, wo man eventuell Empfang haben könnte, ist der Hügel mit den Fahnen drauf. Ich probiere es, bekomme aber nur den Akku leergesaugt, ohne daß Daten fließen.
Zum Abendbrot nehme ich das Bergsteigeressen, diesmal Nudeln. Im Anschluß frage ich nach einer Auflademöglichkeit für das Handy. Kostet einen Euro und geht nur noch eine Stunde bis 10 Uhr, dann wird der Strom abgeschaltet. In der Zeit lädt mein 10 Wh-Akku halb voll. 200 € pro kWh ist ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Noch nicht. Ich hole meinen ersten der 4 Wechselakkus aus dem Rucksack.
Lamsenjochhütte ↣ Weer
K km 79, L 16 km, H 100 m, R 1500 m, U 540 m, O 1953 m
Ich habe verschlafen! Im Bettenlager war es stockdunkel und wegen den Ohrstöpseln hatte ich nicht bemerkt, wie sich das Lager leerte. Ich sammle noch die Reste vom Buffet. Was mir gegenüber gestern fehlt, sind ein paar Gurkenscheibchen.
Gestern hatte ich im Wanderführer gelesen, daß heute ein leichter Klettersteig und eine kurze, schlecht gesicherte Kletterstelle zu bewältigen sind. Meine Tischnachbarn reden davon, sie wollen dort lang und haben Klettersteigsets mit. Ich bin mir unsicher. Gestern dachte ich noch, ich versuche das, aber heute sehe ich, daß die Alternativroute auf der Hüttenzufahrt nicht viel länger ist. Ich entscheide mich für Letztere.
Auf dem durchgängig hohen Kiesbelag kann ich schnell gehen und komme gut voran. Tolle Ausblicke hat der Weg nicht, aber immerhin eine Sitzbank mit Gipfelbuch! An einigen Stellen gehe ich parallel zur Schotterpiste auf einem Wiesenweg, um mal etwas Abwechslung zu haben. Der zweite Teil der Etappe bis zum Gasthof Karwendelrast verläuft quer den Hang entlang auf breiten Schotterwegen. Aller paar Meter steht eine Bank, die meisten davon in der Sonne. Es ist heiß.
Ich hatte von vornherein geplant, nicht am offiziellen Etappenziel aufzuhören, sondern weiterzulaufen bis nach Weer und dort einen Ruhetag einzulegen. Da trifft es sich gut, daß morgen eine Regenfront durchziehen soll. Ohne die wäre ich vielleicht weitergewandert, denn ich hatte noch nicht so viel geschafft, daß ich wirklich einen Ruhetag bräuchte.
Ein schmaler Pfad führt neben der Karwendelrast ins Gebüsch und steil ins Vomper Loch hinunter. Am Hang muß ich mich langsam vorantasten, damit ich nicht ausrutsche. Im Tal schlängelt sich ein klarer Gebirgsbach über Felsstufen und durch Kiesbänke. An vielen schönen Gumpen sieht man Badende in der Sonne sitzen, aber im Wasser sehe ich niemand. Ist vermutlich sehr kalt.
Ich gehe weiter über einige Brücken bis zum Ausgang des Tals und mache Rast auf einer Bank mit Blick auf einen Autohof. Als ich gerade die letzten 5 Kilometer Straße bis nach Weer angehen will, hält ein Auto neben mir und ein Paar fragt, ob sie mich mitnehmen können. Ich hatte sie vorher aus der Klamm kommen sehen und vermutete richtig, daß sie baden waren. Sie setzen mich am ersten Hotel in Weer ab. Vielen Dank dafür!
Weer hat drei große Hotels. Der Schmalzerhof liegt genau an der Fernstraße. Ich fürchte um meine Ruhe und frage deshalb als erstes im Hotel Rettenberg nach einem Zimmer. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich mir das als bevorzugte Variante aufgeschrieben. Die Dame an der Rezeption meint, daß sie gerade ein Einzelzimmer bei Booking.com einstellen wollte. Das nehme ich. Es ist hübsch und funktional eingerichtet. Der Regen kann kommen.
Als erstes räume ich den Rucksack aus und mache eine Einkaufstour im MPreis. Ich gönne mir ein Kilo Weintrauben, Kirschen, Pfirsiche, Tomaten, Joghurt, Wein und Bier. Gerade für die Weinauswahl brauche ich ewig, denn an fast allen steht ein Schild "Nimm 2, bezahl 1" oder "2. Flasche 38% billiger". Ich will aber keine 2. Flasche, auch nicht geschenkt. So nehme ich den, wo ich den geringsten Verlust mache, wenn ich nur eine Flasche kaufe, einen Wurzinger, mit nur 16 % Rabatt für die zweite Flasche.
Weer
Das Frühstück war reichhaltig. Ich unternehme eine kleine Runde durch den Ort bis zum Zeltplatz. Eine Zeltwiese hat der nicht, nur Parzellen. Die hätte mich 38 € gekostet, es ist aber nichts frei.
Weiter passiert nichts. Ich aktualisiere das Blog, schaue fern und lese Zeitung.
Weer ↣ Weidener Hütte
K km 97, L 13 km, H 1375 m, R 120 m, U 540 m, O 1795 m
Schon um 7 Uhr war ich beim Frühstück. Danach trödle ich herum und starte erst 9 Uhr. Es geht heute nur aufwärts. Das erste Stück kürzt auf Waldwegen die Asphaltstraße ab, danach gibt es für 5 Kilometer keine Alternative zur Straße. Auch heute habe ich wieder Glück und eine nette Fee nimmt mich die Hälfte davon im Auto mit.
Von Innerst führt eine breite Forstpiste ziemlich geradlinig zur Weidener Hütte. Eine Kurve kürzt mein Track auf einem Waldpfad ab. Danach zeigt ein Wegweiser auf einen Fußweg schräg den Hang hinauf. Ausgeschildert ist Weidener Hütte über die Almen. In OSM existiert der Weg nicht, aber weil drei Wanderer den Weg vor mir nehmen, gehe ich den auch. Er ist viel abwechslungsreicher als die Forstpiste.
Schon 14:30 Uhr erreiche ich die Hütte. Ich bekomme einen Platz im Lager. Draußen mache ich mir wieder einen Pudding und warte auf mein Bergsteigeressen, heute Grösti. Der Wirt serviert das schon 17:30 Uhr, weil er sonst nicht genügend Strom für die anderen Gerichte hat. Es ist lecker mit viel Gemüse und reichlich.
Die Hütte gefällt mir sehr gut. Sie ist sehr zweckmäßig einerichtet, mit genügend Waschgelegenheiten und Toiletten, warmem Wasser aus der Wand ohne Aufpreis und vielen gut plazierten Steckdosen. Strom ist umsonst. Die Wirtsfamilie kümmert sich sehr um das Wohl ihrer Gäste.
Morgen geht es wieder über den Schießplatz um die Lizumer Hütte herum. Ich hatte mir gestern noch den Schießplan für diese Woche heruntergeladen. Heute ist er wegen Schießen geschlossen, den Rest der Woche ist er frei. Nur kleine Einschränkungen wegen Drohnen gibt es.
Weitwanderer sind keine in Sicht. Einige Gruppen gehen die Inntalrunde.
Weidener Hütte ↣ Lizumer Hütte
K km 113, L 16 km, H 970 m, R 745 m, U 1792 m, O 2390 m
Mein Schlafplatz lag in einer Ecke des Matratzenlagers und ich hatte eine sehr gute Nacht. Obwohl nur wenige Plätze frei waren, blieb es die Nacht muksmäuschen still. Niemand schnarchte, unglaublich!
Halb sieben kam Leben in die Bude, ich stehe genau zum Frühstück um 7 Uhr auf. Auch das ist gut, mit Kaffee aus dem Automaten, Gurken, Tomaten, Joghurt. So bin ich heute schon um 8 auf Achse.
400 Meter geht es unspektakulär eine Schotterpiste hoch zum Geiseljoch. Ein Hirte überholt mich im Auto. Sie treiben früh und abends die weit verstreuten Kühe zusammen um sie zu melken.
Ab dem Joch bin ich allein. Ein schmaler Weg führt an der Hangflanke in ein Tal und auf der gegeüberliegenden Flanke wieder zurück. Ich sehe Murmeltiere und einen Frosch.
Anderthalb Stunden vor der Lizumer Hütte stehen drei Holzhütten, vermutlich ehemalige Melkstationen, jetzt verfallen. In OSM haben sie das Schutzhüttenzeichen. Wenn man darin übernachten will, hat man vermutlich eine unruhige Nacht denn die Hütten sind von Murmeltieren unterkellert worden. Ich mache zuwischen zwei Hütten im Schatten Rast. Weil die Murmeltiere auf dem Holzfußboden laut herumtrampeln, kann ich schon vorhersehen, wenn eines gleich an der Tür ist und seine Nase herausstecken wird.
An der Lizumer Hütte werde ich von Manuela wiedererkannt mit der ich 2023 ein Stück des L1 gewandert war. Sie ist mit ihrem Mann Vidar und einem Dresdener auf der Inntal-Runde unterwegs. Zwei Holländer treffen zeitgleich mit mir ein. Sie kommen ebenfalls von der Weidener Hütte, sind aber den anderen Weg gelaufen. Wir checken zusammen ein und bekommen für das Abendessen einen Tisch zugewiesen. Der vierte am Tisch ist Torsten, ein München-Venedig- Wanderer aus Berlin. Wir kommen sofort ins quatschen. Manuela zeigt uns ihren Ultrsleicht-Klettergurt von Edelrid, der leichter ist als meine Bandschlinge und eher wie ein Slip aussieht. Wie sich herausstellt, sind noch mindestens 4 weitere Traumpfadwanderer auf der Hütte. Jemanden auf meiner Route habe ich noch nicht getroffen.
Im Bergführerzimmer schlafe ich mit Torsten und zwei anderen, die ebenfalls den Traumpfad mit vollem Gepäck gehen.
Lizumer Hütte ↣ Tuxerjochhaus
K km 125, L 12 km, H 1185 m, R 900 m, U 2018 m, O 2739 m
Heute ist der Tag der langen An- und Abstiege. Von der Hütte aus sieht man schon, welche Höhe man bewältigen muß. 700 Meter am Stück. Ich gehe 10 nach 8 Uhr los und mache zwei kurze Pausen bis zum Geierjoch. Ab dem Abstieg vom Geier bin ich 2021 den Weg schon gegangen. Ich erinnere mich an meine Zeltstelle in den Toten Böden, wo ich ein schweres Gewitter überstanden hatte.
Den Abstieg vom Geschützspitzsattel hatte ich schon wieder aus dem Gedächtnis verdrängt. Es geht endlos Serpentinen nach unten und weil die Steigung sehr flach ist, kann ich häufig mit der Geschwindigkeit in der Ebene laufen. Ich arbeite mich von der letzten Position der Wandererkette an die erste Position vor. Im Tal habe ich zwar butterweiche Knie, ich will den Schwung aber für die letzten 300 Meter Anstieg zur Hütte nutzen und mache unten nur eine kurze Pause. 15 Uhr bin ich am Tuxerjochhaus und bekomme den vorletzten Schlafplatz im Matratzenlager (den letzten bekommt Torsten).
Die Hütte gehört nicht zum Alpenverein. Sie akzeptieren zwar Alpenvereinsausweise, es gibt aber kein Bergsteigeressen. Stattdessen gibt es Lasange.
Tuxerjochhaus ↣ Geraer Hütte<
K km 135, L 10 km, H 770 m, R 745 m, U 2163 m, O 2568 m
Im Gegensatz zu den München-Venedig Gehern habe ich heute eine einfachere Etappe. Das Buch sagt 550 Meter hoch und runter, mein Track immerhin 750 Meter. Ich verabschiede mich von Torsten und mache mich auf den Weg. Sobald ich weniger zu leisten habe, werde ich automatisch fauler. Ich mache viele Pausen und genieße die Natur.
Meinen Weg scheint niemand zu gehen. Das Paar vor mir steigt auf den Kaserer. Die Besitzer der Kaserer Alm kommen mir mit Hund entgegen. Sie machen ebenfalls einen Ausflug auf den Berg. Es geht eine lange Bergflanke entlang, um nicht zu viel Höhe beim Talwechsel zu verlieren. Später kommen mir einige Bergbezwinger entgegen, die wieder zum Tuxerjochhaus zurück wollen. Drei Mädels spendieren mir ein Gummitier.
Einige Querungen weiter gehe ich über die großen Schotterfelder, durch die von den Gletschern viele Wasserläufe herunterkommen. Die Landschaft ist phantastisch. Vom grasbewachsenen Sattel nach der Gesteinswüste sehe ich schon die grüne Fahne der Hütte im Wind flattern. Ihr Grün unterscheidet sich minimal von den Flechten, die die Steine bewachsen. Von der Hütte ist nur wenig zu sehen.
Es braucht wieder eine Weile, bis geklärt ist, wo ich schlafe. Ich bekomme das Einzelbett in einem Zimmer, in dem außerdem noch 4 Schlafkojen sind. Nicht die schlechteste Wahl. Die Klientel dieser Hütte ist ganz anders als die der letzten. Bis spät am Abend kommen Kletterer den Berg hinunter. Ich finde niemanden zum quatschen.
Die Hütte hat einige Merkwürdigkeiten, die sehr lieb gemeint sind. Zum Beispiel war mein Bett in Form eines Herzens zusammengeschlagen. Das habe ich noch nirgends gesehen. Alle anderen Schlafplätze hatten normal zusammengefaltete bezogene Decken. Mein Bett war leider 20 Zentimeter dick. Den ersten Teil der Nacht habe ich in meinem Seiden-Inlet neben dem Bett gelegen, bis mir kalt wurde und ich unter das Bett geschüpft bin, wo es natürlich viel zu warm war.
Getränke und Essen schreibt man selber mit Kuli auf eine große Ansichtskarte, die man am Schluß behalten darf. Ganz vertrauen sie meinem selbst aufgeschriebenen aber auch nicht, denn sie haben das Gleiche nochmal in ihrem System. Während ich übliche Abrechnungskarten einfach in die Brieftasche stecken kann, habe ich auf dieser Hütte ständig eine Postkarte und einen Stift in der Hand.
Man zahlt an einem Abend zweimal, erst für die Übernachtung und das Frühstück, dann für das Abendessen. Es gibt keinen zentralen Handyladepunkt sondern man soll die Staubsaugersteckdose im Flur nutzen. Das Abendessen in zwei Schichten führt dazu, das man keinen Platz mehr am Tisch findet, wenn es gemütlich wird. Ich hatte keinen Strom mehr, um noch Zeitung zu lesen und mich früh ins Bett zurückgezogen.
Geraer Hütte< ↣ Pfitscher Joch
K km 149, L 14 km, H 1100 m, R 1180 m, U 2198 m, O 2958 m
Die vier Schlafplätze in meinem Zimmer waren für Wanderer reserviert. Einer von ihnen hat gut geschlafen. Nachdem ich mir was in die Ohren gestöpselt hatte, war meine Nacht ganz OK. Als Bergsteigerhütte servieren sie Frühstück ab 5:30 Uhr. Mir reichte wie bisher 7 Uhr. 7:30 Uhr wird das Buffet abgebaut.
8 Uhr gehe ich los. Die 500 Höhenmeter bis zur verlassenen Molybdänmine schaffe ich in einem Stück. Ich laufe anfangs im Schatten der Bergwand. Ab und zu leuchtet mir aus der Scharte die Sonne ins Gesicht.
Bei den Ruinen der Bergarbeitersiedlung finde ich noch die im Wanderführer von 2011 erwähnte Schuhsohle neben anderen verrosteten Gegenständen. Eine weitere, modernere Schuhsohle hat sich dazugesellt.
Weiter oben beim Mineneingang renne ich von der Sonne geblendet fast ein Rudel Steinböcke über den Haufen, die regungslos im Schatten stehen. Sie lassen sich durch mein Fotografieren nicht stören. Ich umgehe sie danach auf dem Weg an der linken Felswand.
Oben an der Alpeiner Scharte angekommen, lege ich mich erst mal in die Sonne. und genieße das Panorama. Das ist mit 2959 Metern der höchste Punkt der Route. Die vier Wanderer aus meinem Zimmer wollten eigentlich zur Olpererhütte, aber vor oder nach mir war niemand zu sehen. Erst weiter unten kamen mir zwei Alpinistinnen entgegen.
Im steilen Abstieg über Blockfelder taste ich mich langsam voran. Die höchstgelegene Querung nach Südwesten ist immer noch wegen des Bergrutschs gesperrt. Über dem Bach liegt ein dickes Schneefeld, das nicht passiert werden kann. Anders als im Buch beschrieben muß ich nicht 200 Meter zu den Seen absteigen, sondern nur 100 Meter bis zum Ende des Schneefelds. Der Bach ist hier versickert und nach der Querung führen rote Markierungen wieder bergauf. Weiter oben kommen auch Wegweiser.
Wenig später stoße ich auf die Route München-Venedig, eine gut ausgebaute Autobahn durch die Blockfelder. Ich quere den Oberschrambach weit genug oben, um nicht auszurutschen. Hier hat es mal einen Todesfall gegebe. Es beginnt ein paar Tropfen zu nieseln, die aus noch weit entfernten dunklen Wolken stammen müssen. Es ist halb vier, ich könnte es also noch am Abend bis zum Etappenziel Landshuter Europahütte schaffen, aber ich freunde mich mehr und mehr mit dem Gedanken an, im Pfitscherjochhaus zumindest mal nach einem Quartier zu fragen.
Das Haus ist voll. Vor mir sind noch zwei weitere ohne Anmeldung gekommen. Ich frage nach einem Winterraum und ja, das geht. Weil der Regen inzwischen begonnen hatte, fahren mich die Wirtsleute mit dem Auto zur 100 Meter hangab liegenden Hütte und schließen mir auf. Es ist ein kleines Steingebäude gegeüber dem alten Zollhaus, genau auf der Grenze. Ich bin in Italien!
Zurück im Gastraum bestelle ich mir eine Minestrone und komme mit zwei Mädels ins Gespräch, die ihre Tour hier beenden. Von ihnen erfahre ich, daß die Landshuter Europahütte geschlossen ist. Was wäre das für ein Desaster geworden, im Gewitter dort hin zu eilen und dann vor verschlossenen Türen zu stehen! Ich verabschiede mich und beziehe mein Heim. Es hat vier breite Betten, einen Ofen und jede Menge Feuerholz. Ich werde mich beherrschen und kein Feuer machen, schließlich ist Sommer.
Stattdessen koche ich mir einen türkischen Tee und esse dazu in Weinblätter eingerollten Reis in Olivenöl und Essig an Knäckebrot. Sehr lecker. Ich hatte erst spät einen Topf zum Einfangen der Wassertropfen unter das Dach gestellt. Für einen halben Frühstückskaffee wirds reichen. Ich bin zu faul, nochmal hoch zum Pfitzscherjochhaus zu gehen und nach Wasser zu fragen.
Kühe belagern meine Hütte. Ich mache auch den schmalen Türspalt noch zu, damit sie die Tür nicht mit den Hörnern aufziehen. Danach klopfen sie zwei mal an die Tür. Aber sie kennen die Parole nicht.
Pfitscher Joch ↣ Wolfendorn
K km 159, L 10 km, H 600 m, R 600 m, U 2200 m, O 2703 m
Heute klingelt der Wecker 6:15. Ich mache Kaffee und schmiere mir einige FinnCrisps. Ich habe gut geschlafen.
Auf einer sanft ansteigenden ehemaligen Militärstraße hole ich das Stück der gestrigen Etappe nach, das ich nicht geschafft habe. Nach zwei Stunden mache ich Rast und mich holen zwei Wanderer ein. Sie gehen ebenfalls den Weg, den auch die Mädels gestern gegangen sind und steigen nach der Europahütte ins Tal ab. Bis zur Hütte gehen wir gemeinsam.
Als wir den letzten Anstieg geschaft haben und auf das Plateau schauen können, bietet sich ein toller Anblick. Neben der alten Hütte ragt ein eleganter Neubau empor. Der Innenausbau ist in vollem Gange. Eröffnungstermin ist im März nächsten Jahres. Glücklicherweise ist jemand vor Ort und ich kann eine Wasserflasche am Wasserhahn im Gebäude auffüllen. Es gab heute ansonsten kein Wasser.
An der Hütte trennen sich unsere Wege und ich starte mit den vielen An- und Abstiegen auf dem Kamm Richtung Wildseespitze. Meistens geht es über Blockfelder, an einigen Stellen seilversichert. Weil ich die Umgehung nicht finde, besteige ich meinen ersten Gipfel der Tour, besagte Wildseespitze (2733 m).
Auf der Rückseite geht es auf einem breiten grasbewachsenen Rücken weiter zum nächsten Gipfel, dem imposanten Wolfendorn (2774 m). Der ist mir für heute zuviel, denn es liegen schon wieder Gewitter in der Luft. Ich nehme den Abstieg 5b und bin unterwegs schon auf der Suche nach einem Platz, an dem ich das Zelt aufbauen und darin das Gewitter überstehen kann. Als der Wind auffrischt, sehe ich als Bestes eine kleine bucklige Kuhle. Die nehme ich. Gerade so bekomme ich die Häringe irgendwie in den Boden, als der Regen einsetzt. Ich schlüpfe ins Zelt und liege auf der trockenen Schaumstoffmatte, die mich bei einem nahen Blitzeinschlag auch elektrisch gegen hohe Bodenpotentiale isolieren soll. Ob das funtioniert, weiß ich nicht. Rundum und über mir donnert es.
Kochen ist wegen Wassermangel nicht drin. Ich vergreife mich an den Frühstücksvorräten und der Wurst. Empfang habe ich in meinem Zelt keinen.
Wolfendorn ↣ Hühnerspielhütte
K km 187, L 15 km, H 1000 m, R 1000 m, U 1868 m, O 2500 m
Trotz des buckligen Untergrunds schlafe ich sehr gut. Ich bin noch weit oberhalb der Kühe. Um 8 Uhr ziehe ich los. Zuerst noch etwas den Hang runter, dann einen breiteren Weg wieder hoch. Kurz nach dem Flatschjoch sitzt ein Hirte auf dem Wanderweg. Ich vermute, er lacht sich einen Ast bei der Vorstellung, wie ich gleich in seine Herde stolpere. Zuerst sehe ich in der Felswand was, das ich für eine Gämse halte. Dann höre ich Glöckchen und wenige Schritte später sehe ich die Ziegenherde. Sie blicken mir erwartungsvoll entgegen. Ich mache ein Foto und die ganze Herde hängt an meinen Hacken. Mit einer weiten Armbewegung scheuche ich sie weg. Dafür kommt jetzt der Bock von seinem Aussichtsposten angerannt. Kurze Zeit später beruhigt sich alles wieder.
Ich kämpfe mich auf die Flatschspitze (2566 m) hoch, dem zweiten Gipfel dieser Tour. Ausblick habe ich keinen, das verdunstende Wasser der letzten Nacht trübt die Sicht. Vom Gipfel geht die Route des Wanderführers die Gipfelkette entlang zum Schlüsseljoch und dann zur Enzianhütte. Weil ich Zeit reinholen will, nehme ich den schnurgraden Wiesenpfad, der einige Kehren vor der Enzianhütte auf den offiziellen Weg trifft. Der hat keine Markierung, ist aber wunderbar zu laufen.
Ich komme an Blaubeerbüschen vorbei, wo mir viele blaue Punkte entgegenleuchten. Ich setze mich daneben und ernte rundum ab. Irgendwie sind die anders als unsere heimischen Blaubeeren. Das Fruchtfleisch ist weiß und unreife Beeren sind auf einer Seite fast weiß, auf der anderen Seite dunkelblau. Weiter unten entdecke ich einen Busch, wo noch mehr dranhängt. Wieder sammle ich viele. Unterwegs treffe ich auf eine Frau, die professionell mit einem Kamm sammelt. Ihr Mann erklärt mir später, daß ich die falschen Blaubeeren gesammelt habe und zeigt mir auch die richtigen. Die haben etwas helleres Laub und von denen bekommt man wirklich einen Blaubeermund.
An der Enzianalm lasse ich mir die Wasserflaschen auffüllen und gehe weiter auf einem Schotterweg zur Zirogalm. Ich bin mental vorbereitet auf einen langen Abstieg nach Sterzing und freue mich schon auf ein Hotel heute abend. Im Führer steht für die heutige Etappe zwar noch ein Anstieg von 200 Metern, und ich sehe auch in der Karte, daß es noch einige kleine Anstiege gibt, denke mir aber nichts dabei.
Was jetzt folgt, ist der schwierigste Weg der ganzen Tour. Ich will runter, aber der Weg zur Hühnerspielhütte geht hoch, hoch, hoch. Im Buch steht "Über den Ziroger Höhenweg geht man in ständigem Auf und Ab nach Süden, meist auf erfreulich kleinen Pfaden". In Summe steigt man 650 Meter hoch und wieder runter auf einem 10 bis 20 Zentimeter breiten Pfad entlang des Steilhangs. Durch das ungeschnittene Gras ist der Weg schwer zu erkennen, von der Nässe der Nacht sind die Steine und Wurzeln rutschig. Manchmal geht es auch einfach senkrecht den Berg hoch. Ich bin frustriert und erschöpft und brauche wesentlich länger als angegeben.
An der Hühnerspielhütte beschließe ich, nach einem Quartier zu fragen. Hotelsuche um Mitternacht in Sterzing ist vermutlich nicht spaßig. Ich bekomme einen Platz im Hochlager zusammen mit einem Südtiroler Paar, die einen Tagesausflug mit dem Rad unternommen haben. Das Schnitzel zum Abendbrot ist Klasse. Mit am Tisch ist noch eine Wanderin aus dem Norden Deutschlands, die ihre erste große Tour von Sterzing nach Garmisch-Partenkirchen unternimmt. Losgewandert ist sie allein, aber unterwegs stößt ihre Freundin dazu.
Hühnerspielhütte ↣ Sterzing
K km 181, L 7 km, H 0 m, R 1000 m, U 950 m, O 1868 m
Der Dachboden ist dunkel, aber ich schlafe schlecht. Wieder ist die Decke viel zu dick. Das Frühstück bietet viel Auswahl. Bei einer Location mit "Hühner" im Namen hatte ich mit Eiern gerechnet, aber das war nur Wunschdenken.
Heute geht es endlich ins Tal. Der Weg startet wieder mit 100 Meter Anstieg, aber egal. Die Fußwege sind schön breit und der Wald spendet Schatten. Ein sehr schöner Wanderweg. Ich durchquere den Himbeergürtel mit geringen Verzögerungen. Ganz unten im Tal sind sogar schon die Brombeeren reif.
Zur Hotelsuche gehe ich in die Touristeninformation. Die Frau am Schalter druckt mir 10 Möglichkeiten aus. Die Preise sind happig. Alle bis auf eines verlangen mehr als 300 € für 2 Nächte. Also fällt die Auswahl leicht und ich gehe zum Sterzinger Moos Hotel und spreche dort vor. Ich bekomme ein Einzelzimmer für 182 € für zwei Nächte, 4 € mehr, als ich bezahlt hätte, wenn ich gleich in der Touristeninformation gebucht hätte. Ich zeige der jungen Frau an der Rezeption den Ausdruck. Sie kommentiert das mit "veraltete Preise". Mein Einwand, daß der Ausdruck eine halbe Stunde alt ist, zählt nicht. Na egal, zahle ich 4 € dazu.
Das Zimmer hat leider keinen Balkon und ist recht dunkel, weil es im 1. Stock liegt und von einem großen Baum verschattet wird. Dadurch heizt es sich wenigstens nicht stark auf. Draußen sind 30 Grad im Schatten.
Als erstes beschaffe ich Vorräte für die 2 Tage und die Wanderung danach. Yoghurt und Obst stehen hoch im Kurs. Dann sehe ich mir die Stadt an. Die besteht im Wesentlichen nur aus einer schicken Einkaufsstraße die vom Zwölferturm in Altstadt und Neustadt geteilt wird. Wenigstens haben die meisten der Läden einen lokalen Bezug und sind nicht die immer gleichen internationalen Modelabel, die man sonst über Prachtstraßen ausschüttet.
Ich finde einen Laden mit dem Schild des Verlags meines Wanderführers, Athesia. Leider hat er ein Angebot, das viele Buchläden heute anbieten, ein Sammelsurium von Krimskrams. Im Regal für Reiseführer stehen nur die in Deutschland bekannten Marken und von Athesia finde ich nichts. Schade.
Stadtauswärts liegt ein kleiner Park. Ich setze mich auf eine Bank, trinke ein Bier und sehe einem Mähroboter bei der Arbeit zu, den man hier frei herumfahren läßt. Zu tun hat er nichts, der Rasen ist schon kurz.
Sterzing
Heute ist Ruhetag. Durch die zwei Gewittertage bin ich immer weiter gegenüber meinem Plan zurückgefallen und habe jetzt einen Tag Verzug. Ich will trotzdem nicht auf einen Tag faulenzen verzichten, denn das brauche ich dringend, um mich zu regenerieren.
Sterzing ↣ Penser Joch
K km 194, L 13 km, H 1700 m, R 450 m, U 942 m, O 2395 m
Vollgepackt geht es heute vom Tal in das nächste Gebirge, die Sarntaler Alpen. Mit 2,5 L Wasser, Apfel, Gurke, Tomaten, Paprika, Käse, Wurst habe ich vielleicht wieder mein Startgewicht von 17 kg erreicht.
Der Wanderweg taucht nach dem Ort sofort in den Wald ein, deswegen bleibt die Hitze erträglich. Er geht erst steil bergauf, später in Serpentinen einen schönen Forstweg entlang, dessen Kehren man mit einem Fußpfad abkürzen könnte. Mach ich nicht, mir ist der Forstweg steil genug.
Es gibt wieder viel zu ernten, vor allem Himbeeren. An einer Stelle leuchten links vom Weg Himbeeren, Auf dem breiten Mittelstreifen ist alles voller Walderdbeeren und rechts gibt es echte Blaubeeren. Das bremst.
Nachdem der Wald zurückbleibt, ist es wegen der Höhe kühler geworden, außerdem haben sich Wolken gebildet. Es könnte heute wieder gewittern. Ich besteige den 3. Gipfel der Tour, den Zinseler (2422 m), eine Graskuppe mit vielen Steinmännchen drauf. Aus der Ferne hatte ich sie für Menschen gehalten.
Beim Abstieg begegne ich den ersten Waderern heute, die vom Penser Joch kommen. Der Gasthof Alpenrose ist ausgebucht, deshalb suche ich mir im hügeligen Kamm einen Platz für mein Zelt. Es ist wieder eine tiefe Kuhle direkt hinter einem Stein geworden. Ein Wanderweg geht auf der anderen Seite des Steins entlang. Ich hoffe mal, daß die Kühe und Ziegen bleiben wo sie sind.
Weil ich im Gasthof vergessen habe, nach Wasser zu fragen, gibt es nur kalte Küche. Ich habe keinen Empfang, deshalb kann man das erst morgen lesen.
Penser Joch ↣ Flaggerschartenhütte
K km 204, L 10 km, H 825 m, R 565 m, U 2066 m, O 2570 m
In der Nacht nieselt es eine halbe Stunde. Ab Mitternacht bis drei Uhr zucken Blitze über den Himmel, weil über den angrenzenden Bergketten Gewitter toben. Ich warte, daß auch bei mir der Regen wieder einsetzt oder der Wind auffrischt, aber ich werde vom Gewitter verschont. Geschlafen habe ich trotzdem nicht. Früh halb sieben weckt mich eine Herde Ziegen mit lieblichem Gebimmel. Interessiert schauen sie vom Felsblock über mir in mein Zelt. Ich packe zusammen und gehe ohne Frühstück los.
Es geht lange an grasbewachsenen Berghängen entlang, um ohne Höhe zu verlieren auf die nächste Bergkette zu kommen. Erst zum Schluß führen Serpentinen durch ein Schotterfeld zur Hörtlaner Scharte.
Ich lege einige Pausen ein, döse in der Sonne und schöpfe Wasser. Die Landschaft ist von Gletschern rundgeschliffen und besteht aus vielen Moränen, losen Schutt-Ansammlungen, aus denen ebenerdig Wasser austritt und Quellen formt.
Wenn man nach der Scharte noch 5 Meter geht, sieht man für einen Augenblick die Flaggerschartenhütte, das heutige Etappenziel. Danach bekommt man sie erst wieder zu Gesicht, nachdem man abgestiegen ist und am Gegenhang die räudig gesicherte Kletterstelle bewältigt hat. Drei der Eisen, die eigentlich das Seil halten sollen, hängen im Seil, zwei weitere sind locker. Besser man verzichtet vollständig auf das Seil und sucht sich gute Griffe für die Hände. Die Rinne ist breit genug und einfach zu klettern.
Weil ich heute zum ersten Mal auf der Tour auf Schotter ausgerutscht bin (nichts passiert, bin nur in die Knie gegangen), lasse ich mir mit dem steilen Abstieg besonders viel Zeit. Die Hütte wird kurz von einem Hubschrauber angeflogen. Wie wir später erfahren, ist nichts Schlimmes passiert, nur zwei Handwerker haben Feierabend.
Ich kann in der Hütte übernachten. Bisher sind nur zwei Deutsche da, die die Hufeisentour in entgegengesetzter Richtung wie ich gehen. Gestern war die Hütte voll, es hätte aber auch noch einen Platz im Winterraum gegeben.
Unterhalb der Hütte steht eine Freiluftdusche, bei der Seewasser in einem langen Plasteschlauch erwärmt wird. Sehr erfrischend. Die vielen Gewitter, die für heute Nachmittag angesagt waren, sind erst mal nicht eingetreten. Ich sitze bei schönstem Sonnenschein vor der Hütte und trinke Bier.
Am Abend kommen noch mehr Paare, die sich zu einer großen UNO-Runde zusammenfinden. In Anbetracht der letzten durchwachten Nacht suche ich früh den Schlaf.
Flaggerschartenhütte ↣ Latzfonser Schutzhaus
K km 214, L 10 km, H 595 m, R 785 m, U 2159 m, O 2513 m
Am späten Abend kommt doch ein heftiges Gewitter. Ich bin froh, nicht im Zelt übernachtet zu haben. Lange finde ich auch heute keinen Schlaf.
Die heutige Wanderung ist sehr schön. Es geht über Wiesen entlang sanft geschwungener Bergflanken immer geradeaus. Wenn nicht auch heute wieder das Damoklesschwert für die Mittagszeit angesagter Gewitter über mir schweben würde, könnte ich das noch mehr genießen. Ich lege mich trotzdem an einigen Stellen entspannt ins Gras.
Auf einem Kamm steht ein seltsames Gebäude, das aus allen Richtungen wie ein spitzes Dreieck aussieht. Gestern habe ich die eine Seite gesehen, heute die andere. Ich muß mal recherchieren, was das ist. Sehr profan: es ist ein Umsetzer für ARD und ZDF. Und ich hatte Messner dahinter vermutet.
Am Latzfonser Schutzhaus habe ich eine wunderbare Übersicht über die bizarren Felsentürme der Dolomiten. Es ist zwar diesig, aber die großen Gewitter sind bis jetzt nicht gekommen. Ich bekomme einen Platz im sehr geräumigen Lager. Wie gestern sitze ich wieder in der Sonne vor der Hütte. Der einzige Nachteil heute ist, daß 7 Deppen zur Hütte heraufgekommen sind, um sich vollaufen zu lassen, während sie sich alle zugleich mit ohrenbetäubender Lautstärke anschreien.
Zm Abendbrot setze ich mich zu zwei angehenden Juristen, die ich schon vom Vortag kenne. Sie sind meinen Weg gegangen, haben aber noch einen Gipfel mitgenommen. Dazu kommen Vater und Tochter aus Ulm, die meine beiden letzten Etappen zusammengelegt haben, weil sie heute auf dieser Hütte gebucht haben. Ein beachtlicher Gewaltmarsch. Es gibt Leberkäs zum Abendessen und weil die Portionen nicht reichlich sind, wird ein Nachschlag angeboten. Ich habe zwar unterwegs meine Einkäufe von Sterzing vertilgt, bin heute aber mal so hungrig, daß ich den Nachschlag brauche.
Latzfonser Schutzhaus ↣ Sarnthein
K km 234, L 20 km, H 705 m, R 1995 m, U 975 m, O 2494 m
Diese Nacht kommen keine Gewitter und ich schlafe gut. Es hat sich eingebürgert, daß es um 7 Uhr Frühstück gibt. Gegen 8 Uhr geht es wie jeden Tag los.
Auch auf der heutigen Etappe ist der Abstieg wieder gewürzt mit einem vorigen 500 Meter Anstieg, den man natürlich zusätzlich zu den 1000 Metern Höhendifferenz wieder herunter muß. Glücklicherweise gibt es diesmal eine Alternative ohne diesen Anstieg.
Sobald man die ersten 100 Höhenmeter hinter sich hat und um die Ecke biegt, steht man auf einmal auf einer gigantischen Hochebene, die ganz leicht zu einer Seite abfällt. Das könnte überall sein, nur in den Alpen vermutet man das nicht. Auf dem Gras läuft es sich schnell und einfach. Die Weitsicht ist phantastisch. Weil einige Stellen sumpfig sind, hat man für uns Wanderer viele Stege gebaut. In einer der Umzäunungen grasen Lamas.
Ab Schwarzem See beginnt die einfachere Variante. Auf der hat man die Möglichkeit, eine bequeme Forststraße zu nehmen oder parallel laufende Alternativen. Die erste Alternative führt durch Blockfelder, ist also schwerer zu laufen, die weiteren durch Wald, mit Blaubeeren.
Der eigentliche Abstieg ist recht steil auf Forstpisten. Ab der Burg stinkt es nach Gülle, so daß ich für den Ort das schlimmste fürchte.
Ich gehe zur Touristeninfo, aber die hat schon geschlossen. Wenigstens steckt im Ständer davor ein Heft mit Unterkünften in der Region. Drei davon identifiziere ich als Hotels im Ort und rufe dort an. Nur im Olympia nimmt jemand ab und vertröstet mich auf eine Stunde, bis geklärt ist, ob jemand nicht kommt. Ich gehe derweil einkaufen. Kurz vor der Frist rufe ich die anderen beiden an und siehe da, im Gasthof zum Hirschen ist noch ein Einzelzimmer für 90 € frei. Das nehme ich. Die Alternative wäre gewesen, weiterzugehen und zu zelten.
Das Haus ist sehr alt und stilvoll möbliert und mit Kunst ausgestattet. Gefällt mir sehr gut. Mein Zimmer gleicht eher einer Mönchszelle. Es gibt keine freie Steckdose am Bett, der Fernseher ist winzig und WLAN ist nicht.
Sarnthein ↣ Tschaufen
K km 253, L 19km, H 1105 m, R 560 m, U 975 m, O 1992 m
Weil Frühstück erst 8 Uhr begann, stapfe ich halb zehn schon in sengeder Hitze steil geradeaus einen Grashang hoch. Der Schweiß rinnt in Strömen. Am Wochenende sind viele Ausflügler im Auto unterwegs, die alle erst ab Sarner Skihütte loslaufen, die einen riesigen Parkplatz hat. Bis dahin habe ich schon 600 Höhenmeter geschafft, immer die Kehren der Straße abkürzend.
Der Strom der Wanderer wird an der Auener Alm etwas ausgedünnt, nur einige schaffen es bis zum höchsten Punkt der Etappe, der hohen Reisch mit den Stoanerne Mandln. Der Berg ist wirklich surreal und beeindruckend! Wartet, bis ihr die Bilder seht!
Ab jetzt gehts wieder abwärts, zum Möltner Kaser, einem weiteren gut besuchten Ausflugslokal und zum Langfenn mit ebenfalls riesigem Parkplatz. Beides war im Wanderführer als mögliches Etappenende benannt. Bei meiner Planung hatte ich gefunden, daß beide keine Übernachtungen mehr anbieten. Zumindest für Langfenn scheint das nicht zu stimmen, denn es gibt Holzhüttchen als Ferienwohnungen zu mieten.
Die Gegend um das Gut Langfenn, sieht wie geleckt aus. Statt mit schnöden Elektrozäunen sind alle Weideflächen mit hohen Holzzäunen eingefaßt. Dazwischen breite geharkte Kieswege, auf denen einige Bänke und viele Wegweiser stehen. Man kann verschiedene Rundkurse gehen. Irgendwie weckt das bei mir die Assoziation eines Labyrinths, in dem man Ratten einen Ausgang finden läßt.
Ebenfalls seltsam ist der "Wald". Kann man Bäume, die in einem mittleren Abstand von 30 Metern stehen, noch so nennen? Oder ist das eher eine Wiese mit Bäumen?
Ich hatte geplant, so weit zu gehen, wie ich komme, um am nächsten Tag mehr Zeit im Hotel verbringen zu können. 5 oder 6 Kilometer schaffe ich noch nach Langfenn. Der Wald ist an einigen Stellen wieder dichter geworden. Nach Tschaufen ist die Hochebene zu Ende und es wird steiler. Kurz davor suche ich mir neben einer Koppel einen Platz im Wald an der Abbruchkante. Auch diesmal ist es eine Kuhle, aber ich habe keine Lust weiterzusuchen. Es ist ein kleiner Wiesenfleck, auf dem keine Äste liegen, wo also vermutlich auch heute nacht keine von den Bäumen fallen werden. Wegen kleiner Tümpel in der Nähe sind viele Mücken unterwegs.
Tschaufen ↣ Andrian
K km 262, L 9 km, H 95 m, R 1340 m, U 245 m, O 1522 m
In der Nacht gab es Regen und ein Gewitter. Glücklicherweise ohne nahe Einschläge. Auch ein armdicker Ast ist 10 Meter entfernt heruntergefallen. Ich hatte das nachts gehört und finde ihn anhand der frischen Bruchfläche. Am Morgen sind die Mücken immer noch aktiv. Ich gehe ohne Frühstück los.
Es geht meist steil bergab durch regenfeuchten Wald auf schmalen Pfaden, einmal auch auf einem aufgegebenen Asphaltsträßchen.
Terlan betritt man durch Weinberge. Große Güter liegen zu beiden Seiten der Straße. Unten in der Etsch-Ebene überwiegen die Apfelplantagen bereit zur Ernte. Auch eine Kiwi habe ich entdeckt.
Mein Plan sah vor, in Andrian auf der anderen Seite der Etsch einen Ruhetag einzulegen, um ausgeruht die Hammer-Etappe zum Penegal angehen zu können (2450 Meter hoch, 1360 Meter runter, 18 Kilometer lang). Ich frage in der Touristen-Info von Terlan schon mal nach, ob sie mir ein Quartier in Andrian buchen können. Nein, das geht nicht, aber die Frau versucht ihre Kollegin in Andrian anzurufen. Mittagspause.
Der Weg von Terlan nach Andrian ist nicht sehr angenehm. In glühender Mittagshitze geht es schattenlos erst entlang von Bahnanlagen dann unter der Bahnstrecke durch, über die schlammfarbene Etsch, über die Autobahn und an Apfelplantagen vorbei in den Ort. Anhand der Anzahl der in der Karte verzeichneten Quartiere hatte ich Andrian für den bedeutenderen Ort gehalten, aber vermutlich ist in Terlan mehr los. Für letzteres spricht, daß gerade ein Markt abgehalten wurde und es mehr Läden gibt.
Mein erstes Ziel in Andrian ist der Schwarze Adler. Das Restaurant hat zwar Ruhetag, aber das Hotel betrifft das ja normalerweise nicht. Die Chefin teilt mir mit, daß ich Pech habe, sie sind wegen einer Reisegruppe komplett ausgebucht. Sie telefoniert die drei anderen Hotels im Ort an, aber auch die sind voll. Die Touristeninfo soll 15 Uhr öffnen, aber schon zwei Stunden früher ist eine Frau anwesend, die für mich verschiedene Pensionen anklingelt. Nichts, nur ein Ferienhaus für 120 € die Nacht ist noch frei. Ohne Frühstück ist mir das zu viel. Sie meint, eine Pension, hat sie nicht erreichen können, ich soll es später noch Mal bei ihr versuchen. Ich muß ohnehin warten, denn der COOP macht erst 15:30 Uhr wieder auf und ich brauche mindestens was Frisches.
Weil ich nicht mehr an eine Übernachtung in Andrian glaube, freunde ich mich schon mal mit der Idee an, einen Teil des Aufstiegs heute noch zu gehen, um dann morgen sicher das Panoramahotel Penegal zu erreichen. Statt 1 Tag Rückstand hätte ich dann 1 Tag Vorsprung. Allerdings gibt es wieder eine Planänderung, denn die Frau aus der Touristen-Info findet mich auf dem Marktplatz. Sie hat ein Zimmer für mich im B&B Trübenbach ausfindig gemacht. Vielen Dank!
Ich komme zeitgleich mit der Mutter des Wirts dort an, die mir aufschließt. Ich habe die Wahl aus zwei Zimmern und nehme das günstigere für 50 € die Nacht. Es gibt einen Fernseher, Wlan und einen Kühlschrank, alles was ich brauche. Der COOP erweist sich als sehr minimal. Nichts, was in der Obst- und Gemüseabteilung liegt, sieht wirklich gut aus. Ich nehme trotzdem ein Kilo Weintrauben, eine Packung steinharte Platt-Pfirsiche, Tomaten und die ansehnlichste Paprika. Dazu eine Flasche Rotwein für den Abend und ein kaltes Corona für sofort.
Der Betreiber der Pension führt 3 Minuten entfernt auch eine Pizzeria. Weil die morgen Ruhetag hat, will ich sie mir wenigstens heute ansehen. Vom Garten aus hat man einen schönen Blick auf die Dolomiten. Man kann aus 50 Pizzen wählen, die in einem beeindruckenden Ofen mit rotierender Platte in Rekordzeit hergestellt werden. Ich nehme die Lachs und Rucola Pizza und bin zufrieden.
Der restliche Abend verläuft wie so häufig im Hotel mit Nachrichten schauen und Serien glotzen. Nachts um eins wasche ich meine lange eingeweichte Wäsche, damit ich morgen zum Frühstück eine Hose anziehen kann.
Andrian
Wie angekündigt nehme ich einen Ruhetag. Auf der Frühstücksterrasse bleibt es lange schattig und kühl. Ich arbeite die Rückstände im Blog auf. 3 Wochen bin ich schon unterwegs und habe noch zwei weitere vor mir. Bis jetzt war die Wanderung sehr abwechslungsreich, von Hochgebirge bis zuletzt Mittelgebirge war alles dabei.
Andrian ↣ Penegal
K km 270, L 15 km, H 2400 m, R 1000 m, U 277 m, O 1849 m
Von Andrian aus sieht man vom heutigen Berg nur senkrechte Felswände. Wegen des langen Anstiegs hatte ich geplant, die Etappe zu teilen. Frühstück gibt es erst ab 8 Uhr, weswegen ich nicht vor 9 Uhr loskomme. Andererseits ist das späte Frühstück auch gut, denn ich hatte erst gestern abend gemerkt, daß am Fernseher Netflix verfügbar ist. Bis 2 Uhr sehe ich mir One Piece an. Sehr lustig.
Ich verschwinde alsbald im Wald und komme den ganzen Tag nicht mehr daraus hervor. Zuerst gehts steil einen Steig mit Leitern und Seilabsicherung hoch zur Burgruine. Danach nochmal sehr steil immer gerade den Hang hoch. Ziel ist die Gaider Scharte. Wenn man die passiert hat, steht man auf einer bewaldeten Hochebene.
Es geht noch ein Stück flacher bergauf, bis ich auf dem höchsten Punkt stehe, dem Gantkofel (1866 m). Das ist eine Klippe, von der man 300 Meter senkrecht herunterfallen kann.
Minimalziel war zwar, die Etappe zu teilen. Weil es gut lief, bin ich doch bis zum Panoramahotel auf dem Penegal gelaufen. Viele Menschen sitzen vor dem Hotel, um die Sonnenfinsternis zu erhaschen. Die Sonne zeigt sich nur hinter Wolken. Ein Zimmer bekomme ich leider nicht. Selbst die Belegschaftszimmer sind voll. Ich ziehe weiter und baue das Zelt noch auf der Hochfläche zwischen mehreren Wegen auf. Viele Leute laufen dran vorbei, aber ich glaube nicht, daß mich jemand bemerkt.
Penegal ↣ Bait del Vescovo
K km 280, L 10 km, H 800 m, R 1000 m, U 1500 m, O 1773 m
Ich habe gut geschlafen, die Sonne scheint, ich bin guter Dinge. Weil ich um 7 Uhr nochmal einschlafe komme ich erst gegen 9 Uhr los. Es gibt abweichend von den Hauptwanderwegen einen schmalen Pfad die Klippe entlang, den ich schon gestern gegangen bin und heute weitergehe. Man kann nur erahnen, was sich unten befindet, denn die Luft ist sehr diesig.
Aus heiterem Himmel bekomme ich einen Migräneanfall. Bei mir äußert sich das so, daß ich auf der linken Hälfte des Bildfelds nichts sehe, Kopfschmerzen habe ich erst mal keine. Ich lege mich ins Gras und tue das, was normalerweise dagegen hilft. Augen zu, Wasser trinken, ruhen. Auch die Sonnenbrille krame ich für den Weiterweg schon hervor. Nach einer Halben Stunde ist wieder alles OK. Eine weitere halbe Stunde später das gleiche Spiel. Das ist neu! Ich hatte bisher nur einen Migräneanfall im Jahr und noch niemals mehrere davon an einem Tag.
Vom Mendelpaß ergießen sich unzählige Wanderer in alle Richtungen. Alle wandern auf breiten kiesbelegten Wirtschaftswegen. Was besseres gibt es den ganzen Tag nicht. Es gibt auch wieder Fahrradfahrer, die ich die ganze letzte Woche, nun, nicht vermißt hatte. Ich bekomme einen dritten Anfall, laufe diesmal aber einfach weiter, halbblind von Migräne, Sonnenbrille und Schweißtropfen auf den Gläsern. Die Sehstörungen gehen auch von selbst wieder weg und werden ersetzt durch leichte Kopschmerzen.
Entlang meines Weges reihen sich die Ausflugslokale wie in einer Perlenkette: Enzianhütte, Halbweghütte, Malga die Romeno. Von den ersten beiden bekomme ich jeweils eine Trinkflasche aufgefüllt. Das Geschäft brummt, alles ist voller Leute. Bei der nächsten, Malga di Amblar, bin ich mir nicht sicher, ob sie bewirtschaftet ist, oder ob die große Gruppe Menschen davor sich selbst versorgt. Danach werden die Wanderer weniger und auch die Hütten bieten nichts mehr an: Malga di Don, Malga Sanzeno . Den Schluß machen die Selbstversorger-Biwaks. In OSM eingezeichnet ist das Bait del Vescovo, das ich mir als Etappenziel ansehen möchte. Einen Kilometer davor liegt das Bait del Zoanello. Die Tür läßt sich öffnen, innen ist es kühl. In einem Raum stehen Tische und Stühle und ein Gasherd. Wenige Meter vor meinem Ziel liegt noch eine weitere namenlose Schutzhütte. Auch sie bietet einen Aufenthaltsraum, ein Hüttenbuch liegt auf dem Tisch.
Die Tür der dritten Hütte ist mit drei Vorhängeschlössern verriegelt. Offen ist nur ein kleiner Raum auf der Rückseite. Ich habe es aber ohnehin nicht auf die Schlafräume abgesehen, sondern auf den geraden Fleck Wiese vor der Hütte, wo ich nachher das Zelt aufstellen werde. Hoffen wir mal, daß kein Bär kommt. An den Schutzhütten bin ich völlig allein.
Ich mache ein Fertiggericht warm, trinke Tee und erhole mich auf der großen Bank vor der Hütte.
Bait del Vescovo ↣ Molveno
K km 355, L 7 km, H 100 m, R 500 m, U 900 m, O 1300 m
Morgens brummt mir der Schädel, als hätte ich die Nacht durchgezecht. Ich koche Kaffee und frühstücke am Tisch. Gestern abend hatte ich mir angesehen, wie es weitergehen könnte. Von Coredo fährt ein Bus nach Dermulo, von dort die Schmalspurbahn nach Mezzolombardo und dort wieder ein Bus nach Molveno. Ziemlich geradlinig überspringe ich drei Etappen.
Der Wanderführer empfiehlt selber die Kleinbahn, um die langweiligen Apfelplantagen zu vermeiden. Die Nana-Hochebene kenne ich schon, ich war erst vor zwei Jahren dort. Weil ich kein Klettersteigset mithabe, müßte ich den langweiligen Anstieg vom Lago di Tovel nochmal gehen. Der Sprung nimmt mir den Druck, den einen Tag noch aufholen zu müssen, den ich vor einer Woche verloren habe.
Der restliche Abstieg nach Coredo ist einfach. 10 Minuten nach meiner Schutzhütte steht noch eine recht hübsche. Allerdings abgeschlossen. So gut geschützt habe ich bisher noch nie gefühlt! Vier Schutzhütten auf anderthalb Kilometer.In Coredo habe ich noch Zeit, etwas einzukaufen. Der erste Bus kommt 10 Minuten verspätet, so daß ich Sorge habe, daß der ganze Plan kippt. Aber es klappt alles. Drei Stunden später bin ich in Molveno.
Ein hübscher Touristenort mit vielen Hotels am Ufer des gleichnamigen Sees. Direkt gegenüber der Bushaltestelle steht ein Info-Kiosk. Ich will keine Zeit verlieren und sofort mit der Hotelsuche beginnen. Mir ist bewußt, daß es schwierig wird, denn es ist Wochenende und morgen ist Maria Himmelfahrt, in Italien ein Feiertag.
Der junge Mann in der Info fragt am Computer Hotel für Hotel ab, ob noch was frei ist. Ich kann den Bildschirm nicht sehen, aber er informiert mich über den Fortschritt. 10 Hotels geschafft, dann 20. Zwischendurch beantwortet er, ohne vom Computer aufzublicken, die Fragen anderer Hilfesuchender. Nach 25 Minuten atmet er auf. Er hat es geschafft! Null von 30 Hotels haben ein Zimmer frei. Was für eine Dystopie! Menschen als billige Arbeitssklaven für eine Maschine, die das in Millisekunden zusammenfassen könnte.
Bei drei Hotels konnte die Software die freien Betten nicht abfragen. Er gibt mir deren Telefonnummern und ich rufe als erstes das Hotel Excelsior an. Ja, es ist noch was frei, für 139 € die Nacht. Als ich dort ankomme, stellt sich heraus, das war ein bedauerlicher Fehler. Das Dreibettzimmer kostet jetzt 201 € ohne Frühstück. Nein, danke. Ich plane, noch bei einigen Hotels nachzufragen, die ja alle auf einem Haufen liegen, und notfalls weiterzugehen und im Wald zu übernachten.
Das Hotel daneben, das Panorama, ist ebenfalls ausgebucht. Der Empfangschef zückt sein Handy und sucht auf booking.com Quartiere für 2 Personen (das würde seiner Meinung nach mehr Quartiere zutage fördern, als wenn man eine Person eingibt). Booking.com war mir auch an der Info-Bude schon eingefallen, aber ich wollte den Menschen nicht brüskieren, der da so hart für mich schuftete. Die Suche zeigte 2 Funde im Ort: Das Chalet Edelweis hat für 200 € ein Doppelzimmer und irgendwas anderes für 440 € war noch frei. Der Mann weiß sofort, wo das Chalet ist, nämlich am oberen Ende des Lifts. Er fragt, ob er anrufen soll und ich willige ein. Für eine Person beträgt der Preis nach einigem Nachdenken auf der Gegenseite 120 € mit Halbpension, Auf den Lift bekommen Hausgäste 50 % Rabatt. Das mache ich. Allein wäre ich auf diese Lösung sicher nicht gekommen. Vielen Dank für die Hilfe!
So komme ich heute doch noch in die Brenta, wenn auch nur ein kleines Stück. Ich kaufe ein Liftticket für hoch und runter für 10 € und gondele zur ersten Station. Oben sitzen viele Menschen in der Sonne und genießen den Anblick der imposanten Felstürme. Das Gelände vor dem Chalet ist ein riesiger Abenteuerspielplatz. Auch das Chalet selbst ist sehr kinderfreundlich. Es sitzen nur Familien mit Kindern beim Abendbrot. Als Hauptgang habe ich mich für Carpaccio di Bresaola entschieden, dünne dunkelrote Scheiben vom Pferd mit Parmesan und Rucola. Schmeckt intensiv und gut. Erinnert mich an meine Studentenzeit, als ich jedes Wochenende Pferdefleisch gegessen hatte, weil es billig war. Zum Desert gab es Erdbeeren mit Schlagsahne, einfach und köstlich.
Molveno ↣ Ranzo
K km 366, L 11 km, H 1055 m, R 200 m, U 850 m, O 1776 m
Frühstücksbeginn ist acht Uhr. Bis dahin habe ich schon fertig gepackt. Für einen weiteren Tag war das Zimmer nicht frei. Nach neun geht es erst los, mit der Seilbahn abwärts. Unten im Ort war schon viel Betrieb. Wenn ich geahnt hätte, daß der Conad-Supermarkt sogar am Feiertag ganztägig geöffnet hat, hätte ich nicht die zwei Äpfel aus der Obsttheke stibizen müssen. Kommerz schlägt Maria.
Sobald ich in den Wald aufsteige, bin ich wieder allein. Der Aufstieg ist steil in Serpentinen auf schmalen Waldpfaden. Oben hat man einen tollen Ausblick auf das Brenta-Massiv, über dem sich schwarze Wolken bilden. Es gab gestern schon in einer Steilwand eine Rauchsäule, heute qualmt es an der Stelle noch mehr. Außerdem sammeln sich Gewitterwolken. Ab 14 Uhr rumpelt es. Über meinem Gebirge, Monte Gaza, ist noch wolkenloser Himmel.
Als ich auf der Hochfläche über enen Grashügel steige, sehe ich auf einmal den Gardasee vor mir, das Ziel meiner Wanderung und links daneben den Monte Baldo, das letzte herausfordernde Bergmassiv. Das Ziel ist nahe!
Ich weiß nicht, wo ich heute schlafen soll. Das einzige Hotel im Zielort, das Ideal, ist sicher feiertags ebenfalls voll, nach dem Theater gestern. Bis dahin steige ich im Steilhang ab, wo es unwahrscheinlich ist, einen waagerechten Zeltplatz zu finden und unten ist sicher jeder Quadratmeter für Apfelplantagen genutzt. So zögere ich nicht, sofort das Zelt aufzubauen, als ich unterhalb des Wegs im Hang eine Terrasse sehe. Im Buchenwald finde ich einen schönen ebenen Schlafplatz. Es ist erst 16 Uhr und ich hatte den Abstieg gerade erst begonnen. Eine halbe Stunde, nachdem das Zelt steht, beginnt es zu nieseln und ich ziehe mich von vor dem Zelt ins Zelt zurück.
Ranzo ↣ Sarche
K km 373, L 7 km, H 1055 m, R 1000 m, U 300 m, O 1300 m
Es ist eine sehr unruhige Nacht. Nach dem Regen ist es windstill. Jedes Rascheln im Laub und jedes knickende Zweiglein ist deutlich zu vernehmen. Phantombären umstreifen das Zelt. Ich schrecke mehrmals auf und leuchte rundum alles ab, sehe aber nichts.
Wie all die anderen Male, die ich auf dieser Tour im Zelt verbracht habe, schenke ich mir früh den Kaffee und frühstücke mit Wasser. Das Laub ist viel zu trocken. Zwei Flugzeuge fliegen die ganze Zeit über mir hin und her. Vermutlich Löschflugzeuge, wegen des dichten Blätterdachs über mir kann ich es nicht erkennen.
Vor Renzo mache ich meine erste Rast. Ich stelle fest, daß ich keinen Ausweis mehr habe. Das letzte Mal habe ich den zum Einchecken im Chalet gebraucht, also wird er noch da rumliegen. Selten dämlich von mir, das beim Auschecken nicht zu überprüfen, aber auch ein wenig unprofessionell vom Hotel, das nicht zu merken. Ich checke meine Optionen. Irgenendwohin schicken lassen? Auf jeden Fall nicht nach Hause, denn ich brauche ihn für den Rückflug. An ein Hotel? Nehmen die auch Post von Leuten an, die dort noch nicht gebucht haben? Oder soll ich mich jetzt schon für ein Hotel entscheiden und dort buchen? Ist mir zu unsicher, ich werde zurückfahren und den Ausweis selber abholen.
Die gleiche Strecke zurückzulaufen wäre zu deprimierend. Dummerweise ist heute Sonntag und von Renzo aus fährt erstmal nichts. Dann entdecke ich, daß die Linien zwischen den großen Zentren auch sonntags ohne Einschränkung fahren. Ich laufe so schnell es geht die 4 Kilometer abwärts zum Castel Toblino, einer Burg im gleichnamigen See, und erwische an der Bushaltestelle den 20 Minuten verspäteten Bus nach Trento. Um zurück nach Molveno zu gelangen, muß ich 10 Kilometer nach Osten, 10 nach Norden und 10 nach Westen. In Trento rufe ich im Chalet an und sie haben den Ausweis gefunden und bieten mir an, ihn mit dem Lift mitzugeben, damit ich ihn unten abholen kann. So spare ich die 10 € Liftgebühr. Ohne große Pause geht es mit dem nächsten Bus nach Molveno. Gut, daß der Bus die 600 Meter hochklettert und ich das nicht tun muß. Ich nehme am Lift den Ausweis in Empfang und fahre gleich wieder zurück. Busfahren ist in Italien einfach und billig. Das ganze kostet 15 € und obwohl alle anderen mit diversen Tickets auf den Handys einsteigen, kann ich immer auch beim Fahrer bezahlen.
Fünf Stunden später komme ich wieder am Castel Toblino vorbei. Als kleinen Bonus lege ich die zwei Kilometer entlang der vielbefahrenen Straße auch noch im Bus zurück und steige in Sarche direkt vor dem Hotel Ideal aus. Das war eigentlich das gestrige Etappenziel. Unterwegs hatte ich gesehen, daß ein Zimmer frei war und das bei booking.com gebucht. So spare ich mir heute weitere Überraschungen. Ich trödle ein wenig herum und entdecke dann, daß der Supermarkt gegenüber dem Hotel am Sonntag bis 19 Uhr geöffnet hat. Ich kaufe wieder mal zu viel ein, was ich morgen alles schleppen muß.
Sarche ↣ Nago
K km 393, L 20 km, H 610 m, R 765 m, U 93 m, O 364 m
Heute eine leichte Etappe. Es geht auf einem gut besuchten Fahrradweg die Sarca entlang. Höhepunkt ist die Durchquerung der Blockwüste Marocche, die beim Bergrutsch von der Flanke des Bergs gegenüber entstanden ist. Bei einer Rast treffe ich auf Verena, Alex und Leonhardt. Sie gehen den Dinosaurier-Rundweg. Ich freue mich, mal wieder mit jemandem quatschen zu können und schließe mich ihnen an. Nachdem der Weg geschafft ist, nehmen sie mich auf einen Kaffee mit zu ihrem Quartier in Arco direkt unter der Burg. Die Touristen-Info öffnet erst 14 Uhr und ich muß noch eine Stunde herumbringen.
Der Mann in der Information findet vier Hotels, eines etwas außerhalb in der Richtung, aus der ich komme und drei im Ort. Hier fangen die Preise bei 150 € an. Wäre ich bereit zu bezahlen, aber wenn er auch andere Orte buchen kann, frage ich ihn nach Nago. Das liegt schon auf der morgigen Etappe und die ist recht happig. Jede Abkürzung wäre da willkommen. Er findet das Hotel de Nac für 116 € und kann es mir auch gleich reservieren.
Während ich die 5 Kilometer nach Nago gehe, braut sich hinter mir ein Gewitter zusammen. Erste Blitze zucken schon und treiben mich maximal an. Ich trete in die Tür des Hotels und 10 Sekunden später gießt es wie aus Kübeln.
Nach einer Stunde ist der Regen vorbei und ich entdecke, daß hinter der Front der Hotels an der Fernverkehrsstraße ein hübsches verträumtes Dorf liegt. Fotos auf dem Putz der Häuser erinnern an altes Handwerk. Auch im ehemaligen Geschäft des Schusters gibt es alte Fotos zu sehen und viele Stellen sind liebevoll bemalt.
Im Hotel spielt den ganzen Abend sehr ausdauernd eine Band. Sie haben ein riesiges Repertoire alter Blues-Stücke und der Sänger hat sich eine schöne rauchige Stimme zugelegt.
Nago ↣ yyy
K km 410, L 17 km, H 2150 m, R 200 m, U 83 m, O 2060 m